Sekt und Brezel

Information

This article was written on 08 Apr 2013, and is filled under Allgemein.

Die Aufstandsdiskussion. Ein Beitrag.

Die Diskussion um den Aufstand der Angewandten Theaterwissenschaftler*innen aus Gießen beim 6. Osterfestival im Maxim Gorki Theater läuft immer noch. Z.B. auf facebook, bei nachtkritik.de oder dem frisch eingerichteten Blog.  Zum Glück. Es wäre zu Schade gewesen, wenn die Aktion einfach verpufft wäre. Es ist allerdings ein wenig mühsam sich durch die Beitrage zu wühlen, denn viele scheinen in wütender oder zumindest aufgeregter Stimmung verfasst zu sein, was die Verständlichkeit beeinträchtigt. Manche Kommentare sind richtig böse und zynisch, beschimpfen sich gegenseitig. Sowohl bei den Gegner*innen  als auch bei den Befürworter*innen der Aktion sind ausfallende Kommentare zu finden. Das ist mehr als Schade, weil so Nebenkriegsschauplätze eröffnet werden, die von der eigentlichen Sache ablenken und vieles durcheinander geht.  IMG_7959Allerdings muss ich zugeben, dass auch ich beim Verfolgen der Diskussion mit Stressflecken vorm Rechner saß und einige Kommentator*innen gerne zurück angeschrien hätte. Deshalb habe ich  mich bisher noch an keiner der Dikussionen beteiligt, weil ich es wichtig finde bei der Sache zu bleiben. Es geht um was. Wirklich.

Ein Kommentar auf nachtkritik.de hat mir allerdings den Rest gegeben. Den möchte ich hier ausführlich kommentieren und dafür meine ganze Sachlichkeit zusammenkratzen.  Hier ist er erstmal, veröffenlicht am 3.April um 18:34 Uhr auf nachtkritik.de:

„Wenn wir Geld verdienen wollen, dann sollten wir zu VW gehen und ein Auto zusammen schrauben, dann gehen wir um 9.00 Uhr zu Schicht und 17.00 Uhr wieder raus. Dann schrauben wir ein Auto zusammen und verdienen Geld. Aber mit Kunst und Kultur hat noch nie einer wirklichen Reichtum angehäuft. Schiller war immer arm, Shakespeare auch, … Natürlich wäre es toll, wenn wir an Theatern mehr Geld verdienen würden. Aber wir machen es doch nicht wegen dem Geld, sondern wegen unserer Berufung. Wir wollen eben keine Maschine zusammenschrauben, sondern gutes Theater machen und dafür reichen unsere Gagen aus. Es ist ein absolutes Privileg diesen Job auszuüben.

Und zu Gießen und ihrer kollegialen Stimmung. Ich habe einmal ein studentisches Festival organisiert, da wurden die Fahrtkosten bezahlt, wir hatten Gießen eingeladen, sie kamen, schlossen sich in der Garderobe, die für alle Künstler des Festivals war, ein und aßen das Buffett allein auf …P1030517

  1. Ich werde nie nie nie begreifen, warum Menschen, die im selben Boot sitzen, nicht am selben Strang ziehen können… Gerechte Löhne im Theater. Es steht endlich jemand dafür auf. Und zwar in echt. Mit richtigem Risiko. Warum gibt es keine Standing Ovations aus der Theaterwelt? Warum traut sich niemand was? In genau dieser Branche nicht? Warum geben sich so viele einfach zufrieden, wurschteln sich lieber still durch, machen aber Projekte über Revolution, erzählen die Geschichten der großen Kämpfe? Etwa, weil sie Angst haben, deshalb nicht engagiert zu werden? Gehen sie deshalb lieber auf Nummer sicher? Das wäre extrem gruselig.
  2. Niemand hat je gesagt, dass es darum geht Reichtum anzuhäufen. Ich denke, jedem ist klar, dass sich dieser Wunsch eher bei VW erfüllt. (Allerdings nicht als jemand, der Autos zusammenschraubt. Aber das nur nebenbei.) Es geht um angemessene Bezahlung oder – in den Härtefällen – um überhaupt eine!
  3. Schiller und Shakespeare waren arm. Stimm bestimmt. Aber was soll das heißen? Welchen Kausalzusammenhang soll das herstellen? Goethe beispielsweise war meines Wissens nach nicht arm. Und jetzt?
  4. Mir macht Theater Spaß. Ja. Sonst würde ich mich nicht damit beschäftigen und mich schon gar nicht darum bemühen, dass dies insgesamt mehr Leute tun. Und ich mache das nicht hauptsächlich wegen des Geldes. Das wäre unrealistisch. Aber ich muss auch meine Miete bezahlen. Und ich mag einen vollen Kühlschrank. Und ab und zu will ich zum Frisör gehen. Oder mir Kleidung kaufen. Oder (jetzt wird’s verrückt) in den Urlaub fahren. Ich kann nicht glauben, dass dieser mein Wunsch eine überzogener sein soll.
  5. Ein Privileg. Darüber musste ich lange nachdenken, der Punkt ist nämlich kompliziert. Bei Wikipedia heißt es:  „Ein Privileg ist ein Vorrecht, das einer einzelnen Person oder Personengruppe zugestanden wird.“ Das heißt dann jetzt doch, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ich Theaterschaffende sein „darf“, sondern, dass mir dieses Recht jederzeit aberkannt werden kann. Die Frage ist: Von wem? Von der Theaterpolizei? Und wann wurde es mir zuerkannt? Nach der zehnten Hospitanz? Mit dem Bacherlorzeugnis? Mit Gründung dieses Blogs? Heißt das, dass ich immerzu dankbar sein muss, dass ich arbeiten darf? Und dass ich keine Forderungen stellen darf, mich immer zufrieden geben muss aus Angst vor der Aberkennung meines Privilegs? Oder meint die Verfasserin mit Privileg, das Glück was einige wenige haben, die gut von ihrer Arbeit im Theater leben können? Falls ja: Das ist doch das Problem! Das dieses Glück nur einige wenige haben! Das es nicht selbstverständlich ist!
  6. Zu der Gießener Gruppe, die das Buffett alleine leergefuttert hat: Wer soll das gewesen sein? Und woher hatten die den Schlüssel?Übrigens auf dem eigens vom Gorki eingerichteten Blog zum Osterfestival enden die Einträge am 28. März. Kein Wort über den Aufstand. Mich interessiert wirklich, woher diese Verweigerung zum Dialog rührt. Oder bin ich zu wenig informiert oder übersehe etwas? Ich würde mich sehr darüber freuen!!

 

2 Comments

  1. emese
    10. April 2013

    theaterpolizei. geil lisa! „geben Sie mir Ihr Privileg! ich bin Theaterkommissar. Sie dürfen das hier nicht so machen. Das verbietet das Theatergesetzt. Zu viel Protest, zu wenig Kunstblut.“ kopfkino!!

  2. […] Osterfestival der Kunsthochschulen am Maxim Gorki Theater, bin ich auf welche gestoßen, die mir Kopfschmerzen bereiten. Aber auch auf welche, die ich direkt unterschreiben kann! Zu denen mir nicht viel mehr […]

Schreibe einen Kommentar

Du musst diese Aufgabe lösen um einen Kommentar abgeben zu können: * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.