Sekt und Brezel

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This article was written on 11 Apr 2013, and is filled under Allgemein.

Ein Kommentar zum Aufstand beim Osterfestival. Von Falk Roessler.

Beim Durchwühlen der Kommentare zu dem Giessener Aufstand beim 6. Osterfestival der Kunsthochschulen am Maxim Gorki Theater, bin ich auf welche gestoßen, die mir Kopfschmerzen bereiten. Aber auch auf welche, die ich direkt unterschreiben kann! Zu denen mir nicht viel mehr einfällt als ein überdimensionales: WORD! Und die ich auf Sekt und Brezel veröffentlichen möchte: Falk Roessler hat uns erlaubt einen seiner Kommentare hier zu benutzen. Was uns sehr freut! Der Text ist natürlich aus dem Diskussionszusammenhang stibitzt, wenn ihr die ganze Diskussion sehen wollt, schaut bitte hier.

Erstmal versteh ich nicht, warum die Stürmung einer Opern- oder Schauspielpremiere und die Aktion beim Osterfestival sich ausschließen sollten. Gerne beides!

Und das Festival war meiner Meinung nach ein guter Ort für diese Intervention. Da waren doch die Menschen anwesend, die das alles direkt betrifft. Da kamen die Leute zusammen, die mit diesen Verhältnissen jetzt und künftig zurechtkommen oder eben auf sie einwirken müssen.

Ich finde diese ganze Diskussion darüber, wann und wo der Protest angemessen und angebracht gewesen wäre zudem ziemlich feige und armselig. Wenn eine aufständische Aktion durchgeführt wird, geht es eben darum, das Unvorhersehbare heraufzubeschwören. Ein Aufstand, der genau weiß, welche Konsequenzen er hat, wen er verletzt und wen er verschont und der letztlich doch alle im Konsens vereint, ist kein Aufstand. Da gehen natürlich Sachen schief. Und da weiß man natürlich am Anfang noch nicht, was am Ende dabei herauskommt. Die gießener Gruppe beim Osterfestival muss sich auch zu Recht einige Dinge vorwerfen lassen. Aber diese verharmlosende Idee, dass das doch auch alles hätte gehen können, ohne dass man jemandem oder nur den Richtigen auf die Füße tritt, ist einfach ziemlich kleinmütig und mit vorauseilendem Gehorsam überzogen.

Und was die Haltung von A. (eine Kommentatorin bei Facebook, die u.A. anmerkte, dass wer ans Theater gehe, müsse mit den angeprangerten Dingen leben. Dort herrsche eben keine Demokratie. Anm. von S&B.) angeht: Das ist natürlich auch eine Position. Sie lautet: Die Verhältnisse sind hart, darauf muss sich jede_r einstellen und wer’s anders will, soll Beamter werden. Gut (abgesehen davon, dass das vollkommen übersieht, dass auch diese Stellen umworben und äußerst begrenzt sind – die Situation außerhalb der „Kreativwirtschaft“ eben nicht eine andere, sondern die gleiche ist). Aber dann tu auch nicht so, als ob du mit irgendeiner kritischen Position gegenüber diesen Verhältnissen etwas anfangen könntest. Dann bist du mit den Dingen zufrieden, wie sie sind und identifizierst dich mit diesen Mechanismen. Das ist okay. Es bleibt dann zu fragen, wie man mit der Doppelmoral umgeht, dass in der Wahl der Themen und Werke an Theatern und in den Äußerungen von mehr oder weniger renommierten Theaterschaffenden ein kritischer Gestus behauptet wird, wenn man doch intern längst akzeptiert hat, nach diesen Prinzipien zu funktionieren, die man da angeblich kritisiert. Das ist Zynismus. Und zynisch ist es ja auch, ein Osterfestival zum Thema „Aufstand proben“ als bekanntes und subventioniertes Haus zu veranstalten, so zu tun, als würde man damit wohlwollend jungen Künstlern eine Chance bieten und dabei nicht einmal die Grundbedingungen hinsichtlich Anreise, Übernachtung, Verpflegung (von Gagen ja ganz zu schweigen) eines kleinen studentischen Austauschfestivals erfüllt. Man schmückt sich mit dem Bild einer nachwuchsfördernden Institution, gibt auch noch ein Thema aus, das zu einer Auseinandersetzung mit konsequenter Gesellschaftskritik in der gegenwärtigen Kunst anregen will und reproduziert dabei vollumfänglich (und anscheinend sogar ohne es zu bemerken) die Verhältnisse, gegen die sich ein solcher Protest richten könnte. Die Anreisenden sollen hingegen akzeptieren, dass die Währung, in der sie bezahlt werden, Aufmerksamkeit heißt – und dass womöglich eine Chance besteht, von irgendwem gesehen zu werden, der ihnen mal von Nutzen sein könnte. Das strukturelle Problem dabei besteht dann, wenn das kein Einzelfall mehr bleibt, sondern eine immer weiter verbreitete Praxis daraus wird. Dann wird es normal, dass Veranstalter sich nicht keine Gedanken um Bezahlung derjenigen machen müssen, die bei ihnen Arbeit leisten. Dann wird es normal, dass immer wieder Kunstschaffenden gegeneinander antreten, um diese oder jene Chance (oder auch nur die Chance auf die Chance) zu ergattern. Dann wird es normal, dass sie das auch noch begeistert tun sollen und sich willig, flexibel, hochmotiviert und unbezahlt in diese permanente Werbemaßnahme hineinzugeben haben. Und man ist ja vielerorts längst genau da angekommen.

Dass das Gorki-Theater und das Osterfestival dafür nicht die einzigen Schuldigen sind, ist doch klar. Dass bei dieser Veranstaltung aber genau diese Struktur ungebrochen übernommen wurde, ist ziemlich deutlich geworden und für diese Einrichtung ein trauriger Befund.“

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