Sekt und Brezel

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This article was written on 22 Mai 2013, and is filled under Allgemein.

mittwochsgedanken … diesmal zu ungarn.

IMGP7146

budapest nachts von oben…ein traum

vor einigen wochen hat mich lisa gefragt, ob ich nicht etwas zu den entwicklungen in der theaterszene in ungarn schreiben möchte. die frage lag nah. ich bin eine in deutschland aufgewachsene ungarin, habe ein jahr – genau in dem jahr in dem orban gewählt wurde… – in budapest kunstgeschichte und ästhetik studiert und schreibe über sachen, die mit theater zu tun haben. das feuiletton regt sich berechtigt ausgiebig über den rechtsruck in ungarn auf, nachtkritik berichtet fleißig über die kunst- und kulturbeschneidungen, über die, ja, zensuren, fordert petitionen, es gab spontane studi-demos vor der ungarischen botschaft in berlin, es ist ein viel diskutiertes thema. das ist gut. das ist wichtig. ich verfolge das alles, habe meine meinung und wollte trotzdem nicht dazu schreiben. ich habe mich seitdem gefragt warum genau eigentlich nicht.

ich glaub seit ein paar tagen weiß ich warum.

es ist eine katastrophe, wenn kunst keine freiheiten mehr hat und eine rechte regierung bestimmt, wer wo welches stück inszenieren darf und welche bilder an welchen wänden hängen. doch erscheint mir diese diskussion in meinem leben und meiner gedankenwelt zur zeit als luxusproblem. deswegen kann und will ich nicht über das theater in ungarn schreiben, sondern über mein persönliches problem. wer eine politische kritik an der kunst- und kulturszene erwartet wird enttäuscht werden. die kann man im feuilleton nachlesen.
wenn das besagte feuilleton in einem nebensatz richtig feststellt, dass der antisemitismus in ungarn salonfähig geworden ist, heißt das für mich konkret, dass der antisemitismus es auf meine familienfeiern geschafft hat.
wenn im fernsehen die aufmärsche der nationalgarde gezeigt werden, habe ich angst alte freunde in den schwarzen uniformen zu erkennen, oder verwandte winkend am straßenrand zu sichten.
wenn über die sozialen ungerechtigkeiten berichtet wird, die roma in ungarn jeden tag wiederfahren, denk ich an denIMG_7668 letzten sommer zurück wo ich versucht habe alten freunden weis zu machen, dass es ein strukturelles problem ist, weil die integrationsarbeit in ungarn für´n arsch ist, weil auch auf den höchsten ebenen die minderheiten verachtet werden, dass es nicht an mentalitäten oder angeborerem asi-tum liegt, dass viele roma so leben, wie sie leben müssen. die sind nicht schmutzig weil sie es geil finden und klauen tun sie auch nicht, weil sie den täglichen kick brauchen.
diese freunde – oder ehemalige freunde, denn das steht auf dem spiel – , mit denen ich 25 jahre lang meine sommer in einem kleinen dorf in südungarn verbracht habe, mit denen ich mit zugebundenen augen nachts freihändig fahrrad gefahren und tagsüber über die weinfelder geritten bin -kitschig aber wahr- und selbstgepantschten rotwein mit cola gesoffen habe, glauben tief und fest an eine verschwörung des internationalen judentums, sie schenken schlechten dokumentationen über den vermeintlichen teuflischen zionismus glauben und unterstützen den blühenden antisemitismus in ungarn. nix unter vorgehaltener hand.
sie glauben auch angela merkel sei in wahrheit jüdin, so wie obama und cameron.
IMG_7672sie verwechseln offensichtlich das judentum –gerne auch das „internationales finanzjudentum“… –  mit dem „globalen kapitalismus“. sie verwechseln eine glaubensgemeinschaft mit den vertretern eines wirtschaftsregimes, das auf der suche nach gewinnbringenden investitionen kapital um den globus wandern lässt, ohne dabei rücksicht auf soziale belange zu nehmen. dies hat in ungarn erschreckende zustände herbei geführt. wer trotz berufsausbildung keinen angemessenen job findet, stattdessen für 4€/std schwarz arbeitet, um einen niedrigen lebensstandard zu halten und dann noch den unermesslichen reichtum einzelner vorgehalten bekommt, der sucht nach einem sündenbock. dieses phänomen der „xenophobia“ ist allgemein bekannt. Dazu gibt es viele dissertationen, viele aufklärungsfilme, romane, abhandlungen. helfen tut es trotzdem nicht.

wie kann ich menschen begegnen, die wirklich glauben, dass in tel-aviv am flughafen eine landkarte von ungarn hängt, über der geschrieben stehen soll „unsere neue heimat“? das wird nämlich erzählt, abends in der kneipe, oder nachmittags beim kaffee.
es wird auch erzählt, es gäbe am rand von budapest schon eine „siedlung“ in der nur juden wohnen dürfen. dass dort in wahrheit ein israelisches unternehmen seine mitarbeiter*innen unterbringt, die aus israel nach ungarn gezogen sind, tut nichts zur sache. ausschlaggebend ist, dass dort keine ungarn wohnen. die übernahme des landes hat in manchen köpfen schon begonnen.  was soll ich zu bekannten sagen, die glauben, dass homosexualität eine krankheit ist, sie sich durch homosexuelle bedroht fühlen und homosexuelle ekelig finden? wo soll ich da anfangen? wie diskutier ich gegen argumente an, die an einfach bescheuert sind? (wenn alle schwul wären, gäbe es keine kinder.)
was sag ich zu einem informatik studenten der aus tiefster überzeugung den holocaust leugnet?

IMGP7180in dem jahr in dem ich dort studiert habe, hatte ich viele solcher diskussionen. wenige endeten gut, ich hab selten gehört „ja, irgendwie hast du ja schon recht.“ zweimal kann ich mich daran erinnern. ich hoffe sie meinten es ernst.
überwogen haben die male in denen mir vorgeworfen wurde, dass ich ja keine ahnung hätte, ich, die im reichen deutschland ein priviligiertes schön-mädchen-studium absolviere, wüsste doch gar nicht was die juden und roma mit ungarn anstellen. ich hätte keine ahnung von der ungarischen lebensrealität. ich hätte auch keine ahnung wie hinterlistig und berechnend die juden sind, denn in deutschland packe man sie mit samthandschuhen an. ich solle ja nicht der liberalen hetze der westlichen medien gegen die ungarische regierung glauben. (in ungarn scheint liberal auch gleich links zu bedeuten, noch so ein verständnisproblem…)

je nachdem wie nahe mir mein*e diskussionspartner*in steht, oder mal stand, habe ich dagegen angefochten, alle register gezogen, wurde laut, sehr laut, habe mit beispielen jongliert, versucht deutlich zu machen, warum man das so nicht denken kann, warum es gefährlich ist so zu denken, warum es menschenverachtend ist, warum das hinterwäldlerisch und undurchdacht ist oder bin einfach aufgestanden und gegangen. manchmal habe ich vor wut geweint.

ich sehe, dass freunde, familenmitglieder, menschen die ich seit langem kenne immer mehr vom hass aufgefressen werden und frage mich was zu tun ist. was soll ich tun? soll ich mich abwenden, von menschen die mir so lange so nahe standen, soll ich nicht mehr mit den jungs aus dem dorf bier trinken gehen? wo fängt meine persönliche verantwortung an? hab ich überhaupt eine chance diesen klotz im kopf zu zerschlagen?
deshalb sind die entwicklungen in ungarn für mich kein problem der kunst. deswegen interessiere ich mich auch nicht IMGP7195mehr so sehr dafür, dass gute künstler*innen ihre arbeit nicht mehr machen können in diesem ungarn. vor zwei jahren, als das alles anfing, da hat es mich aufgewühlt. mittlerweile muss ich mich anders dazu verhalten und es reicht nicht mehr, wenn ich meine unterschrift irgendwo drunter setze. die menschen um die es mir geht, die waren teilweise noch nie in ihrem leben in einem theater oder in einer ausstellung. kunst jeglicher art ist denen völlig egal. die meisten wissen garnicht was ein*e intendant*in macht, interessieren sich nicht für den unterschied zwischen klassischem sprechtheater und perfomance, oder was das bedeutet, wenn kunst nicht mehr frei ist.

ich frage mich ernsthaft wie ich mich meinen freunden und meiner familie in meinem heimatland gegenüber verhalten soll. ich bin ratlos. das ungarn, das ich liebe, das ich so gern bereise, wo ich als heimattouristin immer eine gute zeit verbracht habe schwindet und ich sitz hier in dortmund, bin sauer und unendlich traurig.

Emese

 

2 Comments

  1. hallodri wankelmut
    22. Mai 2013

    ungarn ist nicht das einzige land mit diesem problem. nur ist es dort aufgrund der mehrheitsverhältnisse im parlament besonders augenscheinlich. der frust in mittel- und osteuropa insgesamt und ungarn im speziellen ist verständlich angesichts der entwicklung im transitionsprozess. bloß warum fällt alles in braune holzköpfische erklärungsmuster zurück? es sind nunmal höchst komplexe wirtschaftliche und politische zusammenhänge, weltweite verstrebungen, die ungarn und osteuropa in den letzten gut 20 jahren radikal verändert haben. staaten, die nicht oder sehr schlecht vorbereitet waren auf den gerne so genannten „freien markt“. orientierungslosigkeit ist die folge. kaum einer versteht, was genau im eigenen land vor sich geht. nur so kann man sich erklären, dass aus unserer sicht widersprüchliche begrifflichkeiten wie „liberal“ und „jüdisch“ deckungsgleich verwendet werden. ich möchte dir für den persönlichen einblick in dieses thema danken. dein tatendrang, der wunsch zur aktiven veränderung deines landes, zur bekehrung deines umfeldes, ist beeindruckend. m. e. bleibt nur zu hoffen, dass alle rechtsgardisten und jobbikwähler ihren eigenen weltanschauungsmist eines tages verstehen und vor scham versinken!

  2. emese
    27. Mai 2013

    lieber bastian, vielen dank für deinen kommentar! das buch kenne ich noch nicht und müsste es erstmal lesen, bevor ich mich zu dieser – meiner meinung nach steilen – these richtig äußern kann und mag.

    was du in deinem zweiten kommentarteil beschreibst, kenne ich als das phänomen des landes ungarn – ganz tief subjektiv jetzt – das sich immer etwas missverstanden und nie so richtig ernst genommen fühlt und vor allem nicht mit dem stellenwert zufrieden ist, den es im allgemeinwissen einnimmt. viele junge akademiker hatten und haben den drang dies zu ändern. es ist verstörend auf wievielen autos in ungarn der sticker von großungarn klebt (also die grenzen von 1848 [s.http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fungarn%5D, ungarn vor dem ersten wk) und wie einer vision von diesem land, das damals „noch was war“ und wieder zu dieser blüte gebracht werden kann, nachgehangen und angestrebt wird. leider bin ich noch zu jung um den gedankenwandel seit der wende oder seine vorgeschichte aus erster hand zu beschreiben.

    doch ich weiß auch aus gesprächen mit freundinnen, dass zum beispiel in serbien und bulgarien ähnliche gedankenzustände herrschen und dass es leider kein spezifisch ungarisches problem ist, nur in der ausprägung zur zeit krasser.

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