Sekt und Brezel

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This article was written on 10 Dez 2014, and is filled under A little bit of practical poetry., I was here!, Von Sekt und Brezeln.

Ringlokschuppen Mülheim vor dem Aus.

Sieben Jahre ist es her, das ich zum ersten Mal den Ringlokschuppen Mülheim betrat – als ganz frischer Ersti der Theaterwissenschaft. Zunächst nur ein Pflichttermin, denn wer diesen einen bestimmten Grundkurs besuchen wollte, musste dabei sein. Ich weiß noch, wie wir uns panisch auf die Karten gestürzt haben, milde belächelt von den vermeintlich superlässigen „Großen“. Aufgeregt war ich an diesem Abend, das weiß ich noch genau, wie sich das gehört in der ersten Woche an der neuen Uni. Der Fußweg vom Bahnhof in Mülheim zum Ringlokschuppem erschien mir wie eine ungewöhnlich komplizierte Weltreise, es war kalt, dunkel und hat geregnet. Emese, ebenfalls frischer Ersti, hatte den RE aus Bochum nicht geschafft und musste nachkommen. Immer wenn ich mit der schnatternden Studischar eine Ampel überquerte oder wir wo abbogen schrieb ich ihr eine SMS mit der neuen Weginfo, damit sie ebenfalls zu diesem ominösen Schuppen finden konnte. Wir kannten uns zu diesem Zeitpunkt vier Tage.

Wir sahen an diesem Abend eine Arbeit aus der Volksbühne Berlin von René Pollesch namens „L’affaire Martin“. Danach war ich mehr als verwirrt. Und durcheinander.  Und verstört. Nicht tausend Fragen, nur tausend Fragezeichen tanzten in meinem Kopf. Sowas hatte ich nun wirklich noch nie gesehen – Theater bei dem ich mich so anstrengen musste im Kopf, bei dem ich so wenig kapierte. Zum Publikumsgespräch bin ich nicht geblieben, ich hatte nicht den Hauch einer Idee, was ich die anwesende Dramaturgin hätte fragen sollen, sondern habe Mülheim nahezu fluchtartig verlassen. Verflucht habe ich die Inszenierung nicht, es gab schon eine Ahnung, etwas Gutes gesehen zu haben. Aber was das alles sollte: Ich stand vor einem Rätsel. Übrigens: Nicht nur ich. Emese und ich ergriffen gemeinsam die Flucht. Die erste Sekt und Brezel Partner in Crime Action Night. Ohne zu wissen, das es das war.

Doch nicht nur die „es gibt immer noch mehr zu entdecken als du glaubst und Theater ist tausendmal mehr als hübsch erzählte Geschichte“ Synapse wurde an diesem Abend verschaltet. Noch eine weitere Weiche stellte sich an diesem Abend. Die Weiche, die mich und den Ringlokschuppen für viele Jahre aneinander binden sollte. Eine Kommilitonin (Eine von den Großen. Aus dem Fachschaftsrat. Die wusste was Raumbezeichungungen wie GABF 05/608 bedeuten. Und auch noch nett war.) fragte laut in die Runde: „Ich brauche für eine Produktion eine Hospitantin. Hat jemand Bock?“ Und ehe ich drüber nachdenken konnte hörte ich mich selber rufen: „Hier! ICH!“

Wenige Wochen später war der Schuppen nicht mehr fremd. Wenige Wochen später verbrachte ich mehr Zeit dort, als zu Hause und hatte einen Hausmeister Schlüsselbund, der mir sämtliche Türen öffnete. Ich wusste was mit den Raumbezeichnungen Tender, Saal, Ballettsaal und Halle etwas anzufangen. Eine unbedingt immer und ohne Kompromisse hinter 19 Choreuten zu schließende Glasschiebetür trieb mich zur Verzweiflung, genau wie die Frage wer wann in welche der zwei Garderoben darf und ob alle 5 Türen, die es jeden Abend abzuschließen galt auch wirklich zu sind. Ein Mann namens Isi wurde ein Lebensretter. Das Putzlicht im Tender machte ein ekliges Licht – Ein Glück machte jemand namens auf der Stroth bald schöneres. Frense, Holger, Britta, Bianca – Namen die durch die Bochumer Theaterwissenschaft geisterten bekamen ein Gesicht. Dramaturgiesitzungen (in Wahrheit kurze Raucherpausen mit der liebsten Kollegin – ja damals durfte noch geraucht werden) im jetzigen Foyer waren die Erholungsphasen des Tages – mit Kaffee aus einer der hart erkämpften Kaffeemaschinen. Richtige Dramaturgiesitzungen auf den schwarzen Sofas brachten übervolle To Do Listen. Und an jedem späten Abend die Frage: Holt jemand Bier oder hat die Gastro auf? Und (noch wichtiger): Wann fährt noch mal ein Zug nach Bochum? Oder (noch besser): Will jemand im Auto mitfahren?

Es blieb nicht bei dieser einen Arbeitserfahrung. In den letzten Jahren bin ich immer wieder in den Schuppen zurückgekehrt, in unterschiedlichsten Zusammenhängen. Hier habe ich geschuftet und gestritten und gelacht und gefeiert und mich schwer verliebt. Er ist vollgestopft mit unzähligen Erinnerungen – wunderschönen, tränenreichen, erschöpften, wütenden, glücklichen, hungrigen, viel zu satten, betrunkenen, nachdenklichen, die ganze Welt in die Arme schließen wollenden.

Viele Theaterleute, speziell aus dem Ruhrgebiet, können gewiss einige dieser Erinnerungen teilen. Weil sie so wie ich das Glück hatten, sich im Schuppen auszuprobieren, an diesem besonderen Ort erste zweite und dritte Schritte zu wagen. Weil ihnen von der künstlerischen Leitung ein Vetrauen und Wohlwollen entgegengebracht wurde, das seinesgleichen sucht.

Dieser besondere Ort steht vor dem Aus, ist beinahe insolvent. Und das macht mich traurig und wütend. Ein Mülheim and der Ruhr ohne Ringlokschuppen wäre einfach nur noch Mülheim an der Ruhr. Mehr muss eigentlich nicht gesagt werden.

Wer möchte, dass der Schuppen weiterhin ein Ort ist, der jungen Künstlerinnen und Künstlern ein Forum bietet (er macht noch viel mehr als das!! Aber für mich persönlich ist das der wichtigste Punkt!) unterschreibt bitte JETZT diese Petition Es dauert keine Minute.

Es wäre nicht auszudenken, wenn der Schuppen nur noch Erinnerungen beerdigen und keine neuen produzieren würde.

Hier findet ihr einen WDR Beitrag zur aktuellen Lage, der das ganze nochmal aus der kulturpolitischen Sicht beleuchtet.

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