Sekt und Brezel

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This article was written on 11 Mrz 2013, and is filled under Allgemein.

SIGNA eröffnet den Club Inferno.

IMG_9747In meinem Beitrag zu „Die Moskauer Prozesse“ von Milo Rau bin ich über die Begriffe „Realität“ und „Inszenierung“ gestolpert: Die in Raus Arbeit behandelten 3 russischen Prozesse wurden künstlich nachgestellt – eben inszeniert von einem Regisseur –, allerdings nicht mit Schauspieler*innen, sondern mit ehemals an diesen Prozessen Beteiligten. Außerdem wurde die Aufführung auch noch von den  Moskauer Behörden ganz „real“ unterbrochen. (Auf nachtkritik.de gibt es übrigens grade eine hitzige Diskussion zu dieser Arbeit. Schaut doch mal vorbei.)  „Die Moskauer Prozesse“ lassen also die Grenzen zwischen „Realität“ und „Inszenierung“ verschwimmen. Sollten einige Theaterwissenschaftler*innen diesen Text lesen, werden sie spätestens jetzt nervös. Ich übrigens auch. Denn: Damit eine Grenze verschwimmen kann, ist vorausgesetzt, dass überhaupt eine solche, klar zu definierende, existiert.

Nun, eigentlich – so könnte angenommen werden –  sind „Realität“ und „Inszenierung“ doch grade im Theater sehr leicht zu unterscheiden, zumindest, wenn wir uns die (nennen wir es )„klassische“ Theatersituation vornehmen: Wir haben auf einer erhöhten Bühne die Inszenierung: Schauspieler*innen tun so, als wären sie jemand anders. Sie sprechen Texte, die sich nicht aus ihren eigenen Gedanken zusammensetzen, die sie auswendig gelernt haben, die sie aber als ihre eigenen ausgeben.  In Proben haben sie Verabredungen erarbeitet, nach denen sie sich jetzt richten, die sie aber so zufällig wie möglich aussehen lassen. Den Zuschauerraum ignorieren sie, die vierte Wand ist hochgezogen. *

Vor der Bühne finden wir den gefüllten Zuschauerraum, den „realen“ Teil dieser Anordnung. „Echte“ Menschen, die nicht so tun als ob, sitzen auf Plätzen, für die sie vorher eine Eintrittskarte gekauft haben und blicken alle in dieselbe Richtung: Auf die Bühne. Sie verhalten sich ruhig und verlassen ihren Platz in der Regel nicht, bis die „Inszenierung“ beendet ist und sie gemeinsam applaudieren dürfen, können und sollen.

Wer ein kleines bisschen mitdenkt merkt, dass das vorne und hinten hakt. Wer schon mal wirklich hingeschaut hat, weiß, wie „real“ der Schweiß der Schauspieler*innen ist. Wer sich im Zuschauerraum schon mal sehr aufgeregt, gelangweilt oder gefreut hat, weiß, wie inszeniert die Situation, eben die Anordnung, in Wahrheit ist, weil die Konvention eine ehrliche und spontane Reaktion nicht zulässt.

Eigentlich ist ein (nennen wir es nochmal) „klassischer“ Theaterabend viel schöner, wenn diese Gedanken nicht im Kopf herumschwirren. Sind sie einmal da, ist es nämlich viel schwieriger, sich auf das Geschehen auf der Bühne einzulassen. Sie machen es mühsamer, das Surren der Scheinwerfer zu ignorieren. Sie erschweren es  eine wundersame Verwandlung zu sehen und nicht zu denken „Wow, das war aber ein schneller Umzug“.

Diese Gedanken sind das Gegenteil von neu. Und sind tausendfach schon viel ausführlicher auf- und beschrieben worden. Mir geht es auch nicht um eine astreine Begriffsanalyse, sondern nur darum, dass das Konstrukt „Realität“ und „Inszenierung“  sogar im konservativsten Theaterabend ein mehr als wackliges ist.

Es gibt viele Künstler*innen, die es sich zur Aufgabe machen, explizit noch mehr Verwirrung um die Begriffe „Realität“ und  „Inszenierung“ zu stiften, als es ohnehin schon gibt. Beispielhaft dafür ist die dänische Gruppe SIGNA um Signa und Arthur Köstler und Thomas Bo Nilsson herum. In Deutschland bekannt geworden sind sie 2007 durch „Die Erscheinungen der Martha Rubin“ am Schauspiel Köln. Für dieses Projekt wurde in der Halle Kalk  ein ganzes Dorf aufgebaut, das drei Mal für Publikum geöffnet wurde, einmal für 36, dann für 60 und dann für 84 Stunden. In dieser Zeit haben die Schauspieler*innen das Dorf nicht verlassen, sondern es durchgehend bewohnt und ihre Figuren die ganze Zeit gespielt. Zuschauer*innen konnten ebenfalls dort übernachten, wenn sie wollten und sich völlig frei bewegen. Es gehört zum SIGNA Konzept, dass die Zuschauer*innen eigentlich keine mehr sind, sondern aktiv am Geschehen teilhaben und sogar Einfluss darauf nehmen können. Zumindest soll ihnen dieses Gefühlt vermittelt werden.„Die Erscheinungen der Martha Rubin“ waren eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2008 . Hier findet ihr den Link zu der nachtkitik.de Kritik zur Kölner Premiere 2007.

Ich habe 2009 an  „Die Hades Fraktur“ teilgenommen und muss sagen, dass das eine Theatererfahrung war, die ich nicht so schnell vergessen habe und auch nicht werde. SIGNA hat das ehemalige Bordell „Hotel Timp“ in Köln als modernen Hades umdekoriert. 7 Mädchen warteten darauf, für eine Nacht aus der Hölle der Unterwelt  befreit zu werden. In Gruppen (auf deren Zusammensetzung kein*e Zuschauer*in Einfluss hatte) wurden wir aufgefordert das Mädchen unserer Wahl frei zu spielen… Gerne schreibe ich dazu mal einen eigenen Beitrag, falls Interesse besteht, ich merke nämlich grade, dass ich den Rahmen dieses Beitrags zu sprengen beginne. Nur so viel: Ich habe am Tag nach der sechsstündigen Performance erstmal sämtliche Schauspieler*innen gegoogelt um mich zu vergewissern, dass es wirklich welche sind und die Performance nur eine solche und eben keine Realität. (Erwischt. Ich bin in die Begriffsfalle getappt!)

Worauf ich die ganze Zeit hinaus will, was euch die Überschrift aber ja schon verraten hat : SIGNA hatte mit einer neuen Arbeit in Berlin an der Volksbühne Premiere. Am 8. März öffnete der „Club Inferno“ seine Türen. Ich möchte es mir unbedingt noch anschauen, habe ich doch schon „Die Hundsprozesse“ in Köln verpasst. Was Matthias Weigel von nachtkritik.de schreibt, klingt ziemlich heftig, bestätig aber auch, was ich von vielen gehört habe, nämlich das an „Die Erscheinungen der Martha Rubin“ bis jetzt noch nichts so richtig rangekommen ist und SIGNA beginnt, ein bisschen sehr übersexualisiert zu sein.  Aber ich guck ja immer lieber selber, als auf Kritiken zu hören und deshalb hoffe ich, dass ich noch die Gelegenheit haben werde, den „Club Inferno“ zu besuchen. Auf der Homepage der Volksbühne findet ihr einen Trailer! (links unten!)

Und  hier findet ihr einen sehr schönen  Beitrag aus dem Bayerischen Rundfunk zur Premiere, der auch nochmal das Thema „Vierte Wand“ aufgreift und zu einem recht überraschenden Ergebnis kommt.

 

*Die Vierte Wand. Ein Raum hat vier Wände. Der Bühnenraum hat nur drei, weil eine Seite zum Publikum offen ist. In einer wie oben beschriebenen Theatersituation tun die Schauspieler*innen so, als wäre das Publikum nicht da. Sie ziehen eine Wand zwischen Bühne und Zuschauerraum, die bündig mit der Bühnenkante abschließt. Die Vierte Wand.

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