Sekt und Brezel

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This article was written on 04 Apr 2013, and is filled under Allgemein.

Den Aufstand bitte draußen machen.

IMG_0200Je länger ich über den Gießener Aufstand im Maxim Gorki Theater nachdenke, umso mehr Fragen habe ich. Da gibt es anscheinend ein Theaterhaus, das über den Aufstand an sich nachdenken lassen will und auch Raum geben will für „Inszenierungen“. Dann gibt es statt einem inszenierten Aufstand einen richtigen. Das Theaterhaus positioniert sich in diesem Zug völlig autark gegenüber jeglicher Kritik und untermauert das mit Sachzwängen. Ja, im Theater gibt es nicht viel Geld. Aber wie gut ist es denn, dass es laut ausgesprochen wird! Und dass es Menschen gibt, die den Aufstand dafür nicht mehr nur noch üben, üben, üben, sondern machen. Es kann doch nicht sein, dass man daran nichts ändern kann. Nicht diese Woche und nicht mit 1000 Euro, aber es kann doch was angestoßen werden. Wofür Aufstände üben, warum darüber diskutieren und philosophieren wenn sogar die, die dazu veranlassen, keine Lösungen suchen? Es gibt doch einiges wofür wir einen Aufstand bräuchten. Diesen nur zum Diskurs zu machen ist nicht weit genug gedacht. In einem Artikel habe ich gelesen, dass eine Studentin traurig gewesen ist, weil ihre Vorstellung aufgrund des Aufstandes ausfallen musste. Ich verstehe nicht ganz. Da gibt es Studierende die gegen die Verhältnisse protestieren, auf die sie geradewegs hinperformt und sie macht nicht mit? (Am besten wäre es noch gewesen, wenn sie in ihrer Arbeit auf die merkwürdige Geldverteilung in der Kulturszene hingewiesen hätte.) Wie Lisa aber ja schon schrieb, hätte es sehr wohl die Möglichkeit für sie gegeben ihre Arbeit innerhalb des Aufstandes zu zeigen. Aber gut.

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Inszenierte Aufstände sind erlaubt. Ein vermeintlich nicht inszenierter nicht so richtig. Geduldet, aber scharf kritisiert. Wo ist denn da genau der Unterschied? Dabei hat sich das Theater merkwürdig mit dem Thema des Aufstandes an sich verbrüdert. Wenn ihr bei Google Theater und Aufstand eingebt, seht ihr was ich meine. Nicht nur, dass sich wirklich viele Dramen mit Aufständen und Revolutionen, mit sozialen Ungerechtigkeiten befassen, sondern auch Performances und Abhandlungen kreisen immer wieder darum, Theater als einen Ort für den Aufstand, für die Beschwerde zu etablieberen. Das Offenlegen schlechter Verhältnisse, das Aufzeigen von Missständen. Einige Arbeiten die sich mit Aufständen auseinandersetzen sind hier schon mit ihren Videos vertreten: Gob Squad: Revolution now! , Schorsch Kamerun: Der entkommene Aufstand., Hofmann&Lindholm: Basler Unruhen.  Sie haben sehr unterschiedliche Ansätze und arbeiten sich an verschiedenen Punkten und Aspekte des Aufstandes ab. Es gibt noch mehr! Zum Beispiel: andcompany&co: Der kommende Aufstand ,wozu es leider keinen Trailer, aber ein tolles Programmheft gibt.

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Doch ein richtiger Aufstand im Theater….gegen die Strukturen der Theaterszene?! Auch das ist nötig. Ein inszenierter Aufstand ist das ein Aufstand ohne Konsequenzen? Ein Aufstand von dem sich niemand gezielt angesprochen fühlt? Ein Aufstand der „die Augen öffnen will“? Hätten die Gießener Studierende in einer Performance anderer Art auf die finanziellen Missstände in der Theaterszene hingewiesen, dann müsste sich das Gorki jetzt nicht mit Sachzwängen rechtfertigen. Vielleicht hätten sie sogar applaudiert „ja, das ist wirklich ein schwieriger Umstand mit dem Geld…“. Mir ist schon klar, dass das Gorki nicht an erster Stelle was dafür kann, aber mit ihren Festivalstrukturen reproduzieren sie doch nur wieder die Ausbeutungsstrukturen, statt neue einzuführen, sich neue auszudenken. Schade!

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Wie schon gemeint, es gibt viele, sehr unterschiedliche Arbeiten zum Thema Aufstand, Revolution, Rebellion, alle inszeniert. Irgendwie klar. Trotzdem drängen sich mir immer mehr die Fragen nach Inszenierung, Realität, Illusion auf.
Ist der Aufstand nur noch auf der Bühne, als Diskurs möglich? Sollten wir nicht mal wieder trauen, so wie die Gießener Studierende, einen echten Aufstand inszenieren?!

So, noch der Link zu der Internetseite des polar Magazins, die sich unter anderem intensiv mit dem Aufstand in konkretem Bezug zum Theater auseinandersetzt. Kannt ich vorher nicht, finde ich gut.

Und, bisschen unnützes Wissen, das kürzlich erschienene Buch über Karin Beier, von Wolfgang Höbel trägt den Titel „Karin Beier – Den Aufstand proben. Ein Theaterbuch.“ So so, proben…

 

 

4 Comments

  1. Ruth
    4. April 2013

    Ihr bringt mich echt ans Nachdenken. Ich bin ja eher nicht so ein Aufstand-Typ und hätte die Gießener vermutlich auch eher blöd gefunden. Aber eure Gedanken dazu bringen mich ans Überlegen und Grübeln….
    Wissen die Gießener, dass ihr euch so mit ihrer Arbeit auseinandersetzt?

  2. emese
    5. April 2013

    na, das ist doch schon toll, danke! 😉 wir versuchen in den nächsten tagen mit unserer freundin kathrin, die in gießen studiert und auch in berlin gewesen ist, ein treffen hinzukriegen, um darüber zu reden und ich geh davon aus, dass die gießener es spätestens danach wissen! aber auch von uns abgesehen hat ihre aktion für großes aufsehen gesorgt, verständlich. Liebe Grüße!

  3. Fabian
    5. April 2013

    Sekt & Brezel funktioniert! Zuweilen werde ich jetzt schneller über Eure Seite auf Ereignisse aufmerksam als auf Nachtkritik, die ich eigentlich immer lese… Schöne Beschreibungen/Überlkegungen zur Gießener Aktion, die natürlich so gut ist, weil sie punktgenau das ganze System offenlegt. Nicht zuletzt den Punkt, dass der Aufstand natürlich immer auch weh tun wird, im Kleinen unfair ist, weil er eine größere Ungerechtigkeit sichtbar zu machen sucht. Die Reaktion des Theaters ist halt feige. Es müsste sich anschließen und seine eigene Veranstaltung boykottieren. Sonst ist es eben nie eine Frage des Aufstandes, sondern immer eine des Sachzwangs. Was sollte das denn sein, eine Revolte ohne Verlust? Noch die beleidigten Reaktionen sind Teil der Sichtbarmachung, dass hier der Untersuchungsgegenstand nicht von allen so wirklich begriffen wurde. Und dass die Gießener ihre Aktion nicht selbst als heroische Tat inszenieren, sondern als Forderung nach 1.000 Euro Entlohnung, ist ebenfalls sehr klug, weil sie den Klischees der romantischen Rebellions-Geste entgehen. Sie setzen eine gezielte Provokation, die dann sehr viel mehr sichtbar macht, als sie selbst inszenieren könnten – und machen sich damit auch selbst angreifbar. Viel mehr kann sich ein Festival mit dem genannten Titel eigentlich nicht wünschen…

    Noch eine Anmerkung: Das Karin Beier-Buch ist bestimmt wirklich interessant, denn Beier hat als Intendatin in Köln in den letzten Jahren ein ums andere Mal den Aufstand nicht nur geprobt, sondern auch durchgeführt, steht der obigen Diskussion also in nichts nach und ist in Köln nicht nur in ihrem Spielplan sondern auch als Bürgerin der Stadt eine echte poltische Akteurin gewesen. Mal sehen, wie das in Hamburg wird…

  4. Michael
    8. April 2013

    Die Auseinandersetzung an dieser Stelle wird aus Gießen mit großem Interesse verfolgt. Seit heute ist nun ein Blog eingerichtet, der einmal als Archiv der bisherigen Ereignisse und der anschließenden Auseinandersetzung mit diesen dienen soll und gleichzeitig Plattform für weitere Diskussionen, Aktionen und den Austausch von Informationen ist.

    http://boykott2013.blogsport.de/

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