Sekt und Brezel

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This article was written on 19 Apr 2013, and is filled under Allgemein.

Kathrin war da, beim Aufstand in Berlin und beantwortete unsere Fragen. Am 19.04. wird in Gießen weiter diskutiert!

IMG_0217Am morgigen Freitag, 19.04., treffen sich in Gießen alle Interessierten zu einem Boykott-Treffen und wollen konstruktiv darüber diskutieren, wie es möglich ist, gegen die Unterbezahlung als angehende Künstler*innen vorzugehen. Welche sind die nächsten Schritte, was muss passieren und wie, damit der Oster-Aufstand nicht ohne Konsequenzen bleibt? Ich persönlich erhoffe mir ganz konkrete Ideen, ein Manifest, eine Anleitung oder sonstiges und fänd es gut als nächsten Schritt auch andere Unis zur Diskussion einzuladen, oder gar zu zwingen. In der Szenischen Forschung in Bochum zumindest wurde auch schon diskutiert und Entsetzen und Angst geäußert. Vernetzen!

Unsere großartige Freundin Kathrin hat uns nochmal allerlei neugierige Fragen zu dem Boykott des Osterfestivals am Maxim Gorki Theater in Berlin beantwortet. Ihre Schilderungen bieten einen guten Eindruck und machen Lust auf Diskutieren, Taten, Aufstände und Tattoos!

Voilá:

Liebe Kathrin,bitte stell dich doch kurz vor und beschreibe, wie du mit der ATW Gießen zusammenhängst.

Ok. Also ich heiße Kathrin Ebmeier, bin 26 Jahre alt und studiere seit 2010 in Gießen den Masterstudiengang Angewandte Theaterwissenschaft. Meinen Bachelor hab ich vorher in Bochum an der RUB gemacht.

Gab es die Performance mit der die ATW eingeladen wurde schon oder wurde sie für das Festival entwickelt?

Da ich nicht zu dem Organisationsteam gehöre, weiß ich nicht ob einige Elemente – zum Beispiel das Kochen auf der Bühne – schon vorher Teil der ästhetischen Forschung einiger Studierenden waren. Aber die ganze Komposition ist extra für das Osterfestival am Maxim-Gorki-Theater entwickelt worden.

Schon im letzten Jahr, als die Ausschreibung mit ihren absurden Bedingungen an die Schulen gegangen ist und an uns Studierende weitergeleitet wurde, waren wir – und mit wir meine ich in der Tat die Studierenden der ATW Gießen – sauer darüber, wie mit studentischer ARBEIT umgegangen wird. Das wurde umfassend auf studentischen Vollversammlungen diskutiert. Also, ob wir es einfach ignorieren, nicht hinfahren, nen wütenden Brief schreiben oder sowas. Dann hat die Studierendenschaft beschlossen, dass wir das Ganze genau da problematisieren wollen, wo der Ort, der Raum ist an dem unsere Arbeit und ein großer Teil unseres Denkens stattfindet: das Theater, die Bühne. Eine kleinere Delegation hat dann die konkreten szenischen Anordnungen erarbeitet. Lange Antwort auf ’ne kurze Frage…

Warst du an dem Aufstand beteiligt? Wenn ja, inwiefern?

Zunächst bin ich als Studierende Teil der Körperschaft, die in der Vollversammlung beschlossen hat, dass es eine szenische Aktion auf dem Festival geben soll. Da bin ich ja sozusagen in erster, auftraggebender, diskutiernder Instanz beteiligt. Und dann bin ich nach Berlin gefahren um mir die Aktion als sozusagen halbeingeweite, sympathisierende Zuschauerin anzusehn. Wie genau die Performance werden würde wusste ich nicht, aber als dann klar war, dass alle Anwesenden eingeladen waren mitzudiskutieren und sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, war ich genau so beteiligt wie die anderen; übrigens egal ob die Leute jetzt gut oder scheiße fanden was wir gemacht haben, beteiligt haben die sich ja auch. Wären alle sich einig gewesen, hätte es die ganze Besetzung ja gar nich gegeben, sondern vielleicht ein öffentliches Gespräch – oder nen Scheck über 1000 €. 

Wie können wir uns die Reaktionen des MGT vorstellen, als klar wurde, dass die Hinterbühne nach der Performance belegt bleiben wird?

Tja ehrlich gesagt war ich total überrascht wie diese krasse ablehnende Wand sich Stück für Stück vor uns aufbaute. Sogar sympathisierende Techniker wurden von der technischen Leitung ausgewechselt, weil die sich geweigert haben uns den Ton und das Licht abzudrehen. Da war ich mit überfordert. Das hab ich nicht verstanden. Irgendwie dachte ich, dass das MGT mit der eigenen Unterfinanzierung ja in dem gleichen dummen und ausbeutenden System feststeckt, dass die das Festival ja „Aufstand proben“ genannt und sich REVOLUTION an die Fassade installiert haben und deswegen diese Wut auch verstehen. Und vor allem sind wir doch im Theater! Das Theater kommt doch genau daher, von der Diskussion, der politischen Teilhabe, der Polis; wenn mir dann jemand sagt, die Bühne sei kein Ort zum Diskutieren, sondern ein Ort zum Spielen – also da werd ich einfach unglaublich emotional. Auch weil mir da jemand mein Theaterverständnis als „falsch“ attestiert. Ach, man merkt, da werd ich auch jetzt noch, nach fast zwei Wochen echt pissig.

Eigentlich wollt ihr mit der Frage so praktische Sachen wissen,ne? Also es wurden halt keine Zuschauer*innen nach oben gelassen, wenn wir aufs Klo gehen wollten wurden wir Teilnehmenden ebenfalls nicht mehr auf die Hinterbühne gelassen. Das hatte dann Feldklos (Pipi-machen hinter Molton in Plastikflaschen) zur Folge.

Oh unvergessen ist da übrigens einer der extrem obrigkeitshörigen Angestellten des MGT, keine Ahnung was der für ’ne Position hatte, der mich wegschubste als ich „Wache gestanden“ habe für einen Protestler der in besagtes Klo gepinkelt hat. Er schubst mich weg, reißt den Vorhang zur Seite und war so unglaublich überrascht als er einen urinierenden Penis zu Gesicht bekam, dass ich mich spontan gefragt hab, was er wohl erwartet hatte … eine Bombenbastelstube? Denn als Terrosristin wurde ich durchaus beschimpft.  

Wie wurden die anderen Gruppen in Kenntnis gesetzt?

Da kann ich gar nicht so viel zu sagen, aber ich denke, das ist etwas unglücklich gelaufen. Die Einladung über Trailer, Postings in der Gruppe, Pressemitteilung ist halt in einem Kontext entstanden, in dem alle gedacht haben diese unterschwelligen Botschaften könne jeder ganz leicht dekodieren. Aber das stimmt einfach nicht. Gleichzeitig kann ich auch verstehen, dass man nicht wollte, dass zuviel durchsickert. Ha, ich hab die für ein bisschen paranoid gehalten dass sie den Plan so hinterm Berg gehalten haben, aber letztendlich hatten sie wahrscheinlich Recht. Wer weiß was passiert wär, wenn ale gewusst hätten was passiert. Und: hätte die Performance dann funktioniert? Wären dann diese unglaublich konfrontierenden und entlarvenden Situationen entstanden, dieses teilweise erschreckend ehrliche Sprechen über die Zugänge zu Theater und Arbeit? Weiß ich halt auch nicht…

Was hat dich besonders beeindruckt?

Puh. Schwierige Frage. Ich glaube der ganze Tag hat mich so unfassbar intensiv zugeballert mit Eindrücken und Situationen, dass mir da ne Auswahl schwerfällt. Vielleicht fand ich die ganze Dynamik des Tages beeindruckend, dass die ganze Perfromance und Aktion funktioniert hat. Und diese eskalative Dynamik…und das Feedback! Die Diskussionen die sich bei Facebook und an Küchentischen, in Seminaren entwickelt haben…ach seht ihr, ich kann mich da nich festlegen. 

Entsetzt?

Wie wenig politisches, analytisches und ja, auch klassenkämpferisches Bewusstsein existiert. Die lassen das einfach mit sich machen und erzählen mir einen von „Ich mach das aus Liebe zum Theaterspielen, mir geht’s dabei nicht um Geld“. Das macht mich so unglaublich hilflos. Hauptsache die ganzen „ich’se“ können auf der Bühne stehen und ihr virtuoses Spiel oder ihre brilliante Regieidee präsentieren. Und dann wird uns Egoismus vorgeworfen und die Einschränkung der künstlerischen Freiheit. Da gibt’s gar keine Auseinandersetzung mit den Ideologien in denen man steckt – und scheinbar wird in bestimmten Schulen auch kein Wert darauf gelegt, das zu ändern.

Gefreut?

Die Solidarität. Das Sprechen darüber. Und so langsam wächst ja an allen Ecken und Enden das Bewusstsein dafür, dass wir zusammen da was ändern müssen. Ich weiß auch nicht wie, aber es gibt ein Recht darauf zu sagen: „So wie es ist, ist es Scheiße!“. Wut und Kritik hängt miteinander zusammen. Und diese ganze Wut, diese Auseinandersetzung  (auch „gegen uns“) das zeigt mir das politische Auseinandersetzung möglich ist und vor allem: Dass das Theater genau der richtige Raum dafür ist!

Verwundert?

Dieses künstleriche leitende Personal hängt sich Einar Schleef ins Foyer und merkt gar nicht, dass auf der Hinterbühne ein Chor an die Türen hämmert und Einlass fordert, Sprache fordert, Konflikt fordert. Das wundert mich. Obwohl: manchmal wunder ich mich über mich selbst, dass mich das noch wundert. Da bin ich manchmal etwas naiv vielleicht.

Ehrlich jetzt, glaubst du das kann Auswirkungen haben?

JA! (→ siehe obene: Naivität) Und es hat jetzt schon welche. Ich werde nicht mehr ohne Geld für Institutionen arbeiten. Ich werde mir den Gagenposten nicht mehr aus meinen Anträgen und Finanzplänen streichen lassen. Das studentische Diskursfestival in Gießen übernimmt Transport- und ggf. Materialkosten und versucht jetzt soviel Geld zu beantragen, dass  es Gagen an die Künstler*innen bezahlen kann. Auch das Zeitzeug_festival in Bochum übernimmt Transport- und Materialkosten. Für Gagen hat’s wohl dieses Jahr nicht gereicht. Aber generell merk ich: da tut sich was. Und wie meine liebe Mitbewohnerin zu sagen pflegt: „Ein gesundes Grundmisstrauen gegnüber allen über 40, die in Institutionen Fuß gefasst haben, ist angebracht. ‚Die‘ werden die Verhältnisse nicht zu unseren Gunsten ändern. Denn ‚Die‘ können Miete, Auto etc. bezahlen.“ Diejenigen die sich mit „künstlerischer Nachwuchs“ angesprochen fühlen, sollten nicht versuchen die Regeln auswendig zu lernen um sie bestmöglich zu erfüllen, sondern diese Regeln zu kennen und zu torpedieren. Eigene Regeln aufzubauen und dieses blöde Spiel einfach nich mehr mitzuspielen.

Was geschieht am 19.4. und was erhofft ihr Euch von diesem Tag?

Tja, ich hoffe erstmal das ein paar Menschen außerhalb von Gießen den Weg auf sich nehmen. Ich hoffe darauf, dass es eine gute Diskussion ( und ein gutes Protokoll!) gibt von dem aus weitere Aktionen geplant werden. Die Idee eines grundsätzlichen Boykotts von dreisten Ausschreibungen in allen, wirklich allen Branchen sollte weiter verbreitet werden. Zum Beispiel werden Kunstgeschichtler*innen regelmäßig teilweise als promovierte Volontär*innen regelrecht verheizt – da gibt’s oft gar keine Bezahlung für ’n halbes Jahr Arbeit. Diese ganzen Sachen darf man nicht aus dem Blick verlieren. Haha ich kling‘ ja wie aus den 60ern – vielleicht ist es genau das. Diese ganzen Kunst und Gesellschaft und Politik und Bla-Diskussionen werden als verloren und gegessen und Teil des Establishments angesehn. Da muss es doch wieder einen Zugang zu geben. Und wenn’s n Marx-Lesekreis is!   

Dein persönlicher Lieblingsaufstand? Bei welchem Aufstand wärst du gern dabei gewesen? Und was wäre dein TraumTransparent?

Marianne!

Was darf bei einem echten Aufstand nicht fehlen?

Solidarität.

Wie viel Planungszeit benötigt ein guter Aufstand? Plant ihr nach diesem Erfolg noch weitere?

Ja schon. Also ich denke, dass für die kommenden Spielzeiten der Kapitalismus auf dem Spiel steht. Die Frage nach einer sozialistischen Organisation ohne autoritär-totalitäre Repression sollte dabei dramaturgisches Grundkonzept sein und eine Darsteller*innenriege, deren Casting auf post-humanistischen Überlegungen beruht wird grad ausführlich diskutiert. Tja und da ich prozessorientiertes Arbeiten bevorzuge, ist die zeitliche Trennung zwischen Proben, Planung und Aufführung nicht festsetzbar.

Die halbe Theaterwelt spricht über euch, wie geht ihr mit diesem Aufstandsfame jetzt um?

Die ganze Theaterwelt spricht über uns.

Was ist nach einem Aufstand zu beachten?

Man sollte generell immer schon vor dem Aufstand aufständisch markiert sein. Also arbeiten wir jetzt einfach wieder in unserer Kleinstadt vor uns hin und brandmarken unsere Popos mit kleinen „böse, arrogante ATW“-Signaturen. Dann können wir beim nächsten Mal wieder die Narren spielen.

Was ist jetzt, nach dem Aufstand anders als vorher?

Hm. Für mich gabs auf jeden Fall nen Motivationsschub. Den hab ich immer, wenn eine Position die nicht dem gängigen Protokoll entspricht sichtbar wird. Das gibt einem viel Energie zum Sachen machen und zur Sprache bringen und auf ganz vielen Ebenen Alternativen sichtbar, erahnbar im besten Falle auch erfahrbar zu machen. Kann aber auch an der Sonne liegen.

Was würdet ihr beim nächsten Mal anders machen?

Es wird immer anders.

DANKE Kathrin!

 

 

 

 

 

 

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