Sekt und Brezel

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This article was written on 24 Apr 2013, and is filled under Allgemein.

Mein erster Leser*innenbrief.

Sehr geehrte Frau Bazinger,

über den Pressespiegel von nachtkritik.de bin ich auf ihren Artikel „Dilettanten auf Thronen“ aufmerksam geworden, in dem sie den Verfall des Theaters beklagen, der durch das Regietheater ausgelöst wurde. Die Meldung hat mich neugierig auf Ihren Text gemacht, ich habe also mir das Magazin besorgt und ihn gelesen.

Das Thema ihres Textes (Titel: „Dilettanten auf Thronen“) muss Ihnen sehr am Herzen liegen. Denn warum sonst würden Sie es so emotional aufgeladen behandeln? Sie schreiben von „akute(n) Hassschübe(n)“, von „Dämlichkeit und Präpotenz“, von „gelangweilte(n), ungebildete(n) Regisseure(n) mit schlecht gewaschenen Fingern“. Ich gehe davon aus, dass ihr Artikel sowohl Abrechnung, als auch Provokation sein soll und muss Ihnen zugestehen, das letzteres bei mir zunächst blendend funktioniert hat. Sie haben meine Stressfleckenproduktion für einige Minuten enorm angekurbelt und dafür gesorgt, dass mein Stift wie verrückt über die Seiten des Cicero Magazins geflogen ist, um alles zu markieren, was ich für Verallgemeinerungen, Unterstellungen, Frustration und schlichtweg Quatsch halte.

Aber zum Glück gehören zur Provokation immer zwei, nicht wahr? Deshalb habe ich mich dagegen entschieden, einfach nur auf Ihren Text und auf Sie (nichts für ungut) zu schimpfen, sondern mir etwas Mühe bei der Antwort zu geben.

Zunächst aber eine Frage: Was ist mit den Frauen im Theater? Sie schreiben nur über Regisseure und Intendanten. Was ist mit den Regisseurinnen? Intendantinnen? Ich weiß, dass hauptsächlich Männer diese Positionen im Stadt- und Staatstheater besetzen, aber die eine oder andere Frau ist durchaus im Theater tätig. Haben Sie nicht sogar ein Buch zusammen mit der Regisseurin Andrea Breth herausgebracht? Oder erwähnen Sie Frauen in Ihrer Hasstirade nicht, weil Sie der Meinung sind, dass Theater von Frauen grundsätzlich besser ist? Oder handelt es sich nur um eine formale Angelegenheit, weil Sie davon ausgehen, der Ausdruck „Regisseur“ oder „Intendant“ sei neutral? Wenn dem so ist, muss ich Ihnen leider sagen: Das haben Sie nicht zu entscheiden. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wen Sie das aufklären könnten. Dann könnten wir uns die Geschlechterdebatte an dieser Stelle nämlich sparen.

Ich kenne das Gefühl, einen Theaterabend wütend zu verlassen, sehr gut. Den Ärger über Schauspieler*innen (Kleiner Tipp: Mit dieser Schreibweise lassen sich Missverständnisse recht gut vermeiden.), die eigentlich toll sind, was aber in der Inszenierung nicht sichtbar wird. Texte, die keinen Raum bekommen. Bühnenbilder, die nicht bespielt werden. Abende, die keine Motivation oder Notwendigkeit erkennen lassen – außer, dass ihre Textgrundlage dieses Jahr Thema im Zentralabitur ist oder oder oder. Bei der Lektüre Ihres Artikels entsteht bei mir der Eindruck, dass sich eine bestimme Art und Weise, Theater zu gucken bei Ihnen fest gesetzt hat. Gehen Sie häufig alleine ins Theater? Wenn ja, probieren Sie es doch mal wieder mit einer Begleitung, am besten mit einer, die etwas unbefangener ist. Vielleicht hebt das ihre Stimmung?

Nun, vielleicht täuscht mich dieser Eindruck auch. Was aber eindeutig ist, dass Sie mit Unterstellungen arbeiten á la: „dreiste Eingriffe in Stücke, kalkulierte Schweinigkeiten um möglichst auffällig in die Feuilletons zu gelangen.“ Ich gehe nicht davon aus, dass sie vor jeder Inszenierung die sie sehen mit den jeweiligen Regisseuren(*innen?) sprechen, die Ihnen dann zuraunen: „Pssst, Irene! Ich mach das nur um ins Feuilleton zu kommen. Die Schweinigkeiten sind alle kalkuliert!“ Sondern vielmehr kann ich annehmen, dass sie diese Haltung den Künstler*innen unterjubeln. Das ist inakzeptabel, zumindest für eine Person, die sich beruflich mit dem Theater auseinandersetzt. Erklären Sie doch lieber, ab wann ein Strich in einem Stück ein „dreiste(r) Eingriff“ für Sie ist. Wann ist Ihre Schmerzgrenze überschritten? Und warum? Das geht aus Ihrem Text leider nicht hervor, würde mich aber interessieren. Denn dann hätten wir einen konkreten Punkt über den es sich ernsthaft zu diskutieren lohnen würde.

Worüber ich hingegen nicht mit Ihnen diskutieren möchte, ist Christoph Schlingensief, Vielleicht nur so viel: Wenn eine bekannte Theaterkritikerin die politische Kraft der Arbeit von Schlingensief nicht honorieren kann, wenn diese behauptet, Schlingensief hätte mit seiner Arbeit  nichts anderes getan als „soziale Relevanz zu simulieren“ dann beginne ich an der Zunft der Theaterkritik als solcher zu zweifeln. Aber ich will diesen Unfall nicht größer machen, als er ist.

Sie schreiben, dass Intendanten(*innen?) „ökonomisch im Prinzip unabhängig sind“. Meinen Sie damit, dass die Theater so hoch subventioniert sind, dass es  ihnen egal sein kann, ob die Bude voll ist oder nicht? Und wie können Sie dem Theater den Niedergang bescheinigen, wenn sie wissen, dass ein Großteil der Theaterarbeit nicht auf Ihrem Radar liegt und liegen kann?

Sie fordern, die Theater sollen wieder „Kathedralen des Besonderen“ werden. Bei dieser Forderung möchte ich leise „Oh je“ seufzen. Denn zu viel Nostalgie tut niemanden gut, sie macht nur bitter. Trotzdem wüsste ich gerne, wann für Sie die goldenen Zeiten waren. Was war damals anders als heute? Und warum war es soviel besser? Ich hoffe, dass sie dazu einen Gedanken haben, der über Ihren Text hinaus geht. (Das von Ihnen genannte Beispiel reicht mir nicht!) Früher war also alles besser und heute gibt es nur noch doofe Videoprojektionen? Eine solche Haltung halte ich für zu einfach. Selbst wenn Ihre Zeichenanzahl begrenzt war und selbst wenn Sie mit Absicht provokant formuliert haben, wäre ich froh, wenn es nicht bei Plattitüden geblieben wäre und Sie Ihren Text einen Schritt weiter getrieben hätten.

Ich fürchte, Sie und ich wollen grundsätzlich etwas anderes vom Theater. Ich will nämlich keine Kathedrale, in der ich leise und ehrfürchtig sein muss. Ich will laut sein dürfen und lachen und weinen. Und diskutieren und lernen und das Gefühl haben: Das was ich sehe, hat mit mir zu tun. Das Theater sollte kein Ort sein, der Andacht fordert. Sondern ein lebendiger Raum, der sich permanent neu erfindet. Was ich schade finde, ist, dass die Haltung ihres Textes so hermetisch ist. Sie können ja alles schlecht und schrecklich finden, was Sie mögen. Sie sollen sich so viel empören, bis es Ihnen fast schon wieder Spaß macht. Das ist ihr gutes Recht. Aber wie wäre es mit einem Punkt, der nicht nur sagt: Alles Grauenhaft! Sondern vielleicht etwas genauer beschreibt, was genau Sie so verärgert, vielleicht aus einer politischen Haltung heraus? Es tut mir leid, dass Sie gar nichts zu gucken kriegen, was Sie interessiert. Vielleicht suchen Sie nicht genau genug?

Abschließend noch eine kleine Anmerkung: Wissen Sie, was lustig ist? Ich kriege auch oft akute Hassschübe. Und zwar wenn ich Theaterkritiken lese. Wenn gelangweilte Journalist*innen, die sich für Poet*innen halten, Aufführungen verreissen und keine Zeile dafür übrig haben, wie viel kollektive Arbeit in ihnen steckt. Wenn ihre Texte so verschwurbelt und überheblich geschrieben sind, dass es unmöglich ist, einen Eindruck von der Inszenierung zu bekommen, sondern nur eine Innensicht der Autor*innen – die selber gerne Künstler*innen wären – wozu es warum auch immer nicht gereicht hat – und die nun nur über die Kunst schreiben können und ihren Frust darüber an selbiger auslassen. Die ein winzig bisschen Macht wittern, weil Sie Verkaufszahlen durch ihre Worte beeinflussen können. Alles Unterstellungen? Richtig. Merken Sie was?

Frau Bazinger, von Herzen wünsche ich Ihnen ganz bald einen Theaterabend, dem Sie etwas abgewinnen können. Es muss Ihnen ja nicht gleich die Spucke wegbleiben vor Begeisterung. Theater hat nicht nur eine Berechtigung, wenn „Hunger und Durst“ in der Vorstellung „vergessen“ werden. Das passiert mir auch nicht oft; das sind die ganz besonderen, kostbaren und seltenen Momente im Theater. Aber vielleicht wäre es sinnvoll, jeder Inszenierung zumindest vorher die Möglichkeit zuzugestehen, dass Sie einen solchen Moment hervorbringen kann.

Freundliche Grüße, Lisa Kerlin

3 Comments

  1. Ruth
    24. April 2013

    Applaus!

  2. lisa
    24. April 2013

    Gracias.

  3. emese
    26. April 2013

    Bringst du mir den Artikel bitte mit?? Eine poetische Kritik. Ein kritisches poem. Oder einfach nur arrogante blendung. Ich bin gespannt!!

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