Sekt und Brezel

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This article was written on 16 Apr 2013, and is filled under Allgemein.

„The Show must go on?“

Zur Absage der „Nibelungen“ Premiere in Dortmund.

Gestern habe ich keinen vernünftigen Text geschrieben bekommen. Nur halbgares Zeug. Deshalb habe ich es dann lieber gelassen, weil es nichts als frustrierend war. Manchmal ist es besser, das Produzierte nicht der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wenn es keine Rückendeckung hat. Wer etwas präsentiert, sollte dazu stehen können. Es muss nicht jedes Mal die ganz große Liebe sein, aber zumindest so etwas wie ein kleines zartes Frühlingsgefühl. Es hat mich allerdings richtig Überwindung gekostet, den gestrigen Versuch als gescheitert anzusehen. Die Erleichterung, dadurch einen freien Abend zu haben, hielt sich in Grenzen. Scheitern macht keinen Spaß. Und den Spruch „Scheitern als Chance“ konnte ich noch nie leiden. DenIMG_9014n der macht mir nur zusätzlich ein schlechtes Gewissen – ich finde es zuviel verlangt, mein Scheitern auch noch fröhlich begrüßen zu müssen.

Was mir gestern im ganz kleinen passiert ist, erlebte das Schauspiel Dortmund am letzten Donnerstag in groß: Die Premiere „Die Nibelungen“ musste zwei Tage vor dem angesetzten Termin abgesagt werden. Sämtliche Vorstellungen wurden ebenfalls gestrichen. „Künstlerische Differenzen“ zwischen Regieteam und Theaterleitung sorgten für keine „Nibelungen“ in Dortmund. Gar keine.

Solch eine Meldung gibt es sehr selten. Eine Premiere tatsächlich ausfallen zu lassen gleicht für ein Theater einem mittelschweren GAU – daher hat die Nachricht für ordentlich Wirbel gesorgt. Viele Kommentare die es diesbezüglich gab, habe ich nicht nachvollziehen können, weil sie zum Teil gehässig, fast schadenfroh waren. Andere wiederum waren sehr anteilnehmend, haben formuliert, wie leid es ihnen für alle Beteiligten und um die investierte Arbeit tut. Wieder andere hatten schlicht wenig Verständnis dafür, dass die Entscheidung erst so spät gefallen ist. Denn das die künstlerische Differenzen unüberbrückbar zu werden drohten, hätte doch eher auffallen müssen. Oder? Das eben ist die Frage. Ich bin kein Teil dieser Produktion gewesen, deshalb kann ich auch nur spekulieren. Aber ich kenne die Abläufe in einem Stadttheater und finde, dass zwei Tage vor der Premiere der einzig richtige Zeitpunkt sind!!!

IMG_9765Denn kaum eine Inszenierung wird vor der letzten Probenwoche fertig. Wenn es überhaupt möglich ist von „fertigen“ Inszenierungen zu sprechen, schließlich entwickelt sich jede auch über die Vorstellungen hinweg weiter. Im Theater wird bis zur letzten Sekunde gebastelt und gefrickelt. Die letzte Woche vor der Premiere  ist immer die härteste. Das liegt nicht nur am steigenden Adrenalin, sondern auch ganz praktisch daran, dass erst kurz vor Schluss alles zusammenkommen kann: Geprobt wird auf einer Probebühne in Probenkostümen. Während die szenischen Proben laufen, bauen auch die Werkstätten das Bühnenbild, werden in der Schneiderei die Kostüme hergestellt, in der Maske die Perücken geknüpft usw. Erst ein bis zwei Wochen vor der Premiere kommt dies alles zusammen, die Lichtstimmungen werden dann erst programmiert. Das macht total viel Spaß, heißt aber auch, dass es in der Endprobenwoche immer Überraschungen gibt. Das reicht von technischen Kleinigkeiten (Umzüge, die im Originalbühnenbild nicht zu schaffen sind. Bodenklappen, die auf der Probebühne nur simuliert werden konnten sind zu schwer für eine Person alleine usw.) über die Erkenntnis, dass der Abend dringend hier und da eine Kürzung braucht (, das bedeutet eine Nachtschicht für die Dramaturgie und Textänderungen für das Ensemble in letzter Sekunde). Endproben sind darüber hinaus für jede Inszenierung eine Riesenchance, das Ruder kann noch mal rumgerissen werden, es entwickeln sich neue Sachen, ranzige Darlings aus den ersten Proben werden endgültig gekillt. Lange Rede kurzer Sinn: Eine Premiere zwei Wochen vor ihrem Termin abzusagen hätte signalisiert: Wir geben auf. Wir geben der Sache keine Chance. Zwei Tage vorher heißt: Wir haben alles gegeben. Wir haben alles probiert. Und wir sind mutig genug zu Scheitern.

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