Sekt und Brezel

Information

This article was written on 30 Apr 2013, and is filled under Allgemein.

Theater im Wohnzimmer – Thumbs up! zum Auftakt des Rundlaufs in Bochum.

IMG_9649Die Kunst und der Urbane Raum sind heutzutage eine never-ending love-story. Manchmal nervt es, wie auch solch endlos Beziehungsprobleme von Freund*innen nerven können. Aber meistens ist es dann doch spannend und dann endet es doch wieder in stundenlangen Diskussionen und am Ende in einvernehmlichen, hoffentlich optimistischen Bier-Getrinke. Die Beziehung zwischen Urbanem Raum und Kunst ist im Grunde eine gute, sie haben sich gesucht und gefunden. Ganz so leicht war das nicht. Eine Beziehung, die sich immer wieder neu erfinden muss, um nicht einfach nur Werke im öffentlichen Raum zu (de-)platzieren, sich immer wieder um ihre Beziehung kümmern muss, um den Raum nicht einfach nur mit unangebundener Kunst vollzustellen und dort zu vergessen. Deswegen folge ich dieser Beziehung gerne. Rede der Kunst zu, dass sie sich trauen soll, höre (gucke) dem Urbanen Raum aufmerksam bei seinen Problemen zu, und lass mich gerne zu stattfindenden Fusionen einladen.
Solch eine Zusammenkunft ist für die kommenden 5 Tage in der Bochumer Speckschweiz angekündigt: dort findet ab heute (30.04.) bis zum 05.05. der RUNDLAUF BOCHUM statt und lädt alle herzlich ein! ( …und wir können uns auch beteiligen! z.B. mit Kuchenspenden für das Haus Steden, das als Festivalzentrum fungiert und noch Buffetbeiträge sucht. melden, melden, melden!)

Grillen in der Speckschweiz 2009

Grillen in der Speckschweiz 2009

Ich selber habe fünf Jahre in dieser sogenannten Speckschweiz gewohnt, ohne zu wissen, dass sie Speckschweiz heißt. (hier noch ein Link zur ansässigen SPECKSCHWEIZ Kneipe, ein Klick lohnt sich!) Ich dachte immer es sei einfach nur „nahe am Zentrum“ oder „da, fast beim Bergbaumuseum“. Dass das Viertel einen Namen hat, wundert mich ein bisschen. Aber dass es Potential hätte, sich zu einem neuen

Fiege trinken auf einem Speckschweiz-Balkon 2009

Fiege trinken auf einem Speckschweiz-Balkon 2009

Hip-Scene/Spot/PlaceToBe/fancyNamefürGutenOrt entwickelt, wundert mich nicht. Macht mich nur nachdenklich und nostalgisch. Wie die engagierten Menschen vom Rundlauf sehr richtig auf ihrer Homepage schreiben, ist die Speckschweiz „ein schönes Wohngebiet mit vielen (in Bochum seltenen) Altbauten und der ruhrgebietstypischen Bevölkerungsstruktur. Es wohnen und leben dort viele Migranten und wegen der nahen U35 Studierende verschiedener Hochschulen. Leider ist der Stadtteil, obwohl innenstadtnah und kulturell vielfältig, geprägt von vielen Leerständen in Geschäften und Gastronomien und auf den Straßen, auf schönen Plätzen und Grünflächen findet kaum Leben statt. Das will das Team des Rundlaufs Bochum ändern. Indem es Programm im öffentlichen Raum, in Leerständen und bestehenden Orten wie Traditionsgastronomien (etwa der leer stehenden Eckkneipe „Haus Steden“) veranstaltet. Aber auch, indem es schon seit Monaten gemeinsam mit Anwohnern neue Orte entdeckt und entwickelt. Zum Beispiel den Bunker an der Zechenstraße / Ecke Haldenstraße, der seit Jahrzehnten ungenutzt ist und vom Rundlauf-Team leer geräumt wurde – was auf sehr viel Neugier und auch Hilfsbereitschaft der Anwohner stieß.“ (Quelle: http://www.rundlauf-bochum.de/about.html, 29.04.2013)

...als die Goldkante noch an der Speckschweiz aneckte...

…als die Goldkante noch an der Speckschweiz aneckte…

Dass das Viertel liebenswert und eine Erkundung wert ist, müssten alle Menschen die dort wohnen, wohnten oder wohnen wollen, unterschreiben können. Ich hab es dort sehr geliebt und freu mich schon sehr auf die kommenden Tage voller Programm dort…let´s see.
Das Programm ist rie-sig. mannigfaltig. viel. überfordernd? Alle Sparten sind vertreten: Kunst (vorwiegend Fotografie), Musik, Theater, Film und Tanz!! Sogar auf fünf Tage verteilt ist es ein wahrer Schau-Wahrnehm-Aufnehm-Marathon. Super ist, dass die Rundlauf-Organisations-Menschen sich die große Mühe gemacht haben eine wirklich übersichtliche Homepage zu basteln, auf der ich mich garnicht verloren fühle. Thumbs up!
Das komplette Programm ist der Knaller. Was da auf die Beine gestellt wird verdient ganz großen Respekt und kriegt hoffentlich ganz viele Besucher*innen. Was mich aber dann doch noch mehr ins Nachdenken bringt, sind die spezifischen Orte an denen der RUNDLAUF stattfindet. Da finden Sachen in privaten Wohnzimmern, Hinterhöfen und Kellern von Anwohner*innen statt. Tanz, Theater, Ausstellungen im Wohnzimmer von fremden Menschen, die sich mir als Besucherin öffnen – der Fremden von der Straße. Das ist ein großer Unterschied zu den mir bisher untergekommenen Festivals ähnlicher Art, wo „nur“ leerstehende Ladenlokale von Künstlern benutzt, oder vergessene Kneipen durch Konzerte wiederbelebt wurden. Das mit dem Wohnraum Nutzen ist irgendwas anderes und läuft auf irgendwas anderes hinaus. Einige Anwohner*innen der Speckschweiz laden Menschen zu sich nach Hause ein, um mit ihnen gemeinsam dort an einem Ort Kunst zu erleben. Das hat erstmal nichts mehr mit einem öffentlichen Raum zu tun. Sondern ganz

Paradebeispiel Leerstand (gesichtet in Amsterdam)

Paradebeispiel Leerstand (gesichtet in Amsterdam)

konkret mit dem Wohnzimmer von Almut zum Beispiel, die auch ihr Wohnzimmer öffnet, um dort die Performances „Hauch“ und „Stand by“ zu zeigen. Wird jetzt hier ein privater Raum zu einem Öffentlichen gemacht? Oder ist Almuts Wohnzimmer sowieso nie ihr ganz privater Raum, weil immer von Außen etwas hineingelangt? Aber so eine Tür und eine Schwelle, die sind doch bedeutungsschwanger: ab hier, meine Wohnung. Du musst klingeln um reinzukommen und ich entscheide… Zumindest wird jetzt erstmal die allseitsbekannte, aber doch fremde Öffentlichkeit hineingelassen. Almut öffnet der Öffentlichkeit ihr eigenes Wohnzimmer, ihr Bad, ihre Küche und lädt unbekannte Menschen ein.
Allzuschnell überlese ich schon bei solchen Ereignissen den selbst postulierten Anspruch der Veranstalter*innen NACHHALTIG zu sein und ETWAS ZU BEWEGEN und LEBEN INS VIERTEL ZU BRINGEN, also in Wahrheit Gentrifizieren. Gentrifizieren in Maßen und nicht im (Muschi-)Kreuzberg-Style find ich gut. Sieht hübsch aus, gibt vielleicht irgendwann lecker Milchkaffee und tut allen Anwohner*innen irgendwie gut. Aber selten passiert sowas in Maßen, sondern oft so, dass es dann doch wieder weh tut und sich niemand mehr den Milchkaffee leisten kann.
Da kommen sie also, die wilden, neugierigen Kreativen in ihren bunten Klamotten und ihrem Schablone - KopieCous-Cous Salat, mit guten Absichten, aber was machen sie denn falsch, dass es dann am Ende doch wieder einfach nur fies und unerträglich wird?! Sie arbeiten nicht MIT dem Viertel, sondern plump AUF dem Viertel. Das was leer ist, ist leer und braucht erstmal weniger Kommunikation. (Es ist leichter ein leeres Ladenlokal für sich zu beanspruchen, als das Wohnzimmer von den Anwohner*innen.) Und dann geht mein Horrorkopfkino los: in nicht allzuferner Zukunft kann es passieren, dass später Menschen mit ganz viel Geld und ganz wenig Ahnung von dem Viertel da zuerst hinziehen, dann kaufen, danach verkaufen, investieren, renovieren, die Mieten steigen lassen… wir kennen den Gentrifizierungsschneeball mit seinen Problemen und die Kritik, deswegen jetzt nur kurz. Natürlich passiert sowas nicht von heut auf morgen aufgrund solch eines Ereignisses, aber es kann ein Anstoß sein. Und nun muss ich schnell den Bogen zurück zum RUNDLAUF BOCHUM schlagen! Der geht so: Ich glaube, dass dort ein guter Ansatz verfolgt wird, nicht nur die Leerstände zu befüllen, sondern zu den Anwohner*innen nach Hause zu gehen. So können die Gäste des RUNDLAUFS die Anwohner*innen kennenlernen, also die Menschen, die das Viertel ausmachen. Die, die halt schon da wohnen, wo jetzt endlich das Leben hingebracht wird. Dass wir nicht zu Elfriede und Dieter in das Schrankwandwohnzimmer können, ist schade, aber vielleicht kommen Elfriede und Dieter in das Wohnzimmer von Almut. Dann gibt es eine bessere Möglichkeit für eine Begegnung und ein Miteinander. Vielleicht setzen wir uns als junge Kreative dann nicht einfach nur inmitten eines Viertels, sondern arbeiten wirklich MIT dem Viertel. Mutet romantisch an, ich bin auch romantisch was meine alte Heimat angeht! Aber ich glaub der RUNDLAUF BOCHUM macht seine Sache dort wirklich gut! Allein schon, dass ihr das Haus Steden wieder zum Laufen gebracht habt, macht mich sehr glücklich!! ….und zum Schluss noch was in ganz eigener Sache: Josefine Rose Habermehl, Almut Pape und ich haben letztes Semester den Film „Lüge“ gedreht, der ebenfalls beim RUNDLAUF gezeigt wird – ab dem 1.Mai im Loop in der Schmechtingstraße38, links – , kommt vorbei, guckt, gebt uns Feedback! Ich freue ich mich!!

 

Schreibe einen Kommentar

Du musst diese Aufgabe lösen um einen Kommentar abgeben zu können: * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.