Sekt und Brezel

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This article was written on 11 Apr 2013, and is filled under Allgemein.

Wer ist eigentlich diese „Werktreue“?

Eine wichtige Frage für junge Theaterautor*innen….

Schon einmal habe ich hierIMG_0108 darüber geschrieben, dass ich liebend gerne ein Publikum beobachte, das seinerseits das Geschehen auf einer Theaterbühne beobachtet. Ich versuche zu erspüren, wie die Stimmung ist, ob die Leute wohlgesonnen sind oder ob ein Sturm der Entrüstung losbrechen wird, sobald das letzte Wort gesprochen ist. Ebenso gerne lausche ich im Foyer den Gesprächen der Gäste nach der Vorstellung oder in der Pause (natürlich nur, wenn sie sich um den gesehenen Abend drehen….) Da gibt es viel zu staunen und zu lernen. Perfekt für dieses Hobby ist der Job an der Theatergarderobe, an der ein Großteil der Gäste vor und nach dem Theaterabend anzutreffen ist. Mein Studijob als Garderobiere an einem großen Schauspielhauses habe ich natürlich nicht direkt deswegen angenommen, aber ich freute mich oft über den Nebeneffekt.

Allerdings kriegte ich die Reaktionen der Zuschauer*innen oft nicht nur mit, sondern auch ab: Schimpfende (auch mit mir!) Abonent*innen, die einen Shakespeare Abend wütend verließen, weil es keinen Wald auf der Bühne gegeben hat, obwohl der im Stück geschrieben steht. Gähnende Menschen, die einen beinahe ungestrichenen Klassiker in seiner Länge nicht gut aushielten und mich fragten, warum denn bitteschön der Abend so lang sein müsse. Fröhliche Besucher*innen, die den ganzen Laden aufhielten, weil sie ganz sicher sein wollten, dass ich ihr Lob in der Kantine weitergebe.

Einige dieser Kommentare konnte ich verstehen, einigen musste ich widersprechen. Über die, die sich ärgerten, weil das, was sie auf der Bühne gesehen hatten, doch so gar nicht in ihrem Reclam Heft stehe, habe ich mich oft gewundert und wundere mich immer noch. Denn der Begriff „Werktreue“ fiel und fällt oft in diesem Zusammenhang. Der macht mich ein wenig nervös, vor allem, wenn alle so tun, als wäre glasklar, was damit gemeint sein soll. Aber wie wie wird denn ein Stück werktreu inszeniert? Entwickelt nicht jede*r eine eigene Phantasie zu einem Text? Und stellt andere Fragen an ihn? IMG_0184Und interessiert sich für andere Punkte? Wenn Zuschauer*innen sich eigene Vorstellungen zu einem Text gemacht haben und diese dann auf der Bühne nicht wieder entdecken, dürfen sie dann laut „Schon wieder keine Werktreue“ schreien“? Ist „Werktreue“ überhaupt erstrebenswert? Wenn es sie wirklich gäbe und sich alle daran halten würden, wären dann nicht alle Inszenierungen desselben Stückes genau gleich? Und wäre das nicht langweilig?

Andereseits kenne ich das Gefühl natürlich nur zu gut. Auch bei Filmen deren Bücher ich zuerst gelesen habe geht es mir oft so: Die Schauspieler*innen sehen nicht so aus, wie in meinem Kopf. Die Schauplätze sind zu klein, zu groß, zu bunt, zu grau. Und überhaupt, wie konnten die so blöd sein und die wichtigsten Figuren einfach streichen?? Im Theater ärgere ich mich sogar noch mehr, wenn ich das Gefühl habe, das ein*e Regisseur*in hatte keine Haltung zu dem Text und ballert nur sein sein eigenes Zeug raus ohne Rücksicht auf Verluste und ohne den Text wirklich zu befragen, ohne seinem Rhythmus zu folgen.

Ab wann ist die „Werktreue- Forderung“ überzogen? Ab wann ist Regiegeballer eben nur noch Geballer und zu weit weg von dem Text? Und wie mag es Autor*innen gehen, die ihre eigenen Texte auf der Theaterbühne sehen können und aushalten müssen (?) oder dürfen (?), was die Produktion aus ihnen gemacht hat. Theresia Walser hat einen ausführlichen Text darüber geschrieben, was es für Möglichkeiten gibt, damit umzugehen, wenn es unerträglich wird, was auf der Bühne mit dem eigenen Text geschieht. Sie redet über das Mysterium „Werktreue“ und über die berühmte „Autorintention“. Veröffentlicht hat sie diesen Text auf dem Festivalportal zum Heidelberger Stückemarkt von Nachtkritik.de. Auf dem Portal findet ihr Hintergrundinfos rund um den seit 1984 alljärlich stattfindenden Stückemarkt, der sich der Förderung junger Autor*innen von Theatertexten verschrieben hat. Stöbert doch mal ein bisschen.

Und falls jemand Hinweise darauf hat, wie das so gehen kann mit der „Werktreue“ und was das überhaupt sein soll, möge einen Kommentar hinterlassen!

 

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