Sekt und Brezel

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This article was written on 13 Mai 2013, and is filled under Allgemein.

Montagsgedanken: Ein Geständnis über Sprechen übers Sprechtheater.

IMG_9867Ich hatte mal einen Englischlehrer, der seinen Schüler*innen verboten hat, das Wort „bad“ zu benutzen. Because: „It doesn’t say anything.“ Dieses Verbot hat er sehr ernst genommen. (Spätestens nach der ersten von ihm korrigierten Klausur, tat ich das auch.) Zwingen wollte er uns, tatsächlich zu denken. Uns ernsthaft zu fragen, was denn an diesem oder jenem Sachverhalt nicht nur „bad“, sondern vielleicht problematisch, fragwürdig oder unglaubwürdig sein könnte. Das gleiche galt übrigens für das Wort „nice“.

Manchmal würde ich gerne eine ähnliches Verbot aussprechen und bei dessen Nichtbeachtung den Rotstift zücken. Grade wenn mir ein Thema auf der Seele brennt, können mich Allgemeinplätze oder Sätze wie: „Über Geschmack lässt sich nicht streiten.“ rasend machen, weil sie keinen Raum zur Diskussion zulassen.  Der Todessatz lautet: „Ist halt meine Meinung“. Wenn der gefallen ist, können eigentlich alle nach Hause gehen, der walzt jedes Gespräch nieder. Aber er fällt oft und zwar häufig aus einer eigentlich defensiven Haltung heraus, die entsteht, wenn sonst nur wenig oder nur lahme Argumente zur Hand sind und sich nicht die Zeit genommen wird, herauszufinden, warum denn etwas als „bad“ oder „nice“ empfunden wurde.

Manchmal entsteht die defensive Haltung aber auch aus einer Unsicherheit heraus, aus der Annahme von etwas nicht genug Ahnung zu haben, um tatsächlich darüber reden zu können. Dann wird im Zweifel auch gerne gar nichts gesagt, was sich genauso wenig förderlich auf die Kommunikation auswirkt. Nach Theaterbesuchen erlebe ich oft, dass Leute nicht mit der Sprache herauswollen oder wenn, dann mit dem Zusatz: „Ich hab ja keine Ahnung davon“. Diese Haltung ist Schade und unnötig. Aber solange der Todessatz nicht fällt, kann ich durchaus Verständnis für sie aufbringen. Denn über Theater zu sprechen ist schwer, wenn es nicht allgemeinplatzig oder geschmäcklerisch werden soll.

An dieser Stelle lüfte ich ein bis heute extrem gut gehütetes Geheimnis. Tief Luft geholt und los:

IMG_9883Der Fachschaftsrat der Bochumer Theaterwissenschaft organisiert seit jeher für die Erstis einen Theaterbesuch. Als ich Ersti war, führte uns der Ausflug ans Bochumer Schauspielhaus, wir sahen „Wie es euch gefällt“. Ich war ein kleines verschrecktes, überfordertes Etwas, voller Angst in der Masse dieser riesenhaften Uni unterzugehen. Auf diesen Abend hatte ich mich aber gefreut, dachte „Wir gucken Theater, das wird doch bestimmt nett.“ („Nett!“ „Nice“. Pah! Hätte ich in dem Moment mal an meinen Englischlehrer gedacht…) So bemerkte ich in der Pause noch fröhlich, wenn auch vorsichtig, dass ich es „eigentlich ganz gut“ finden würde. Am nächsten Tag saß ich im vollbesetzten Fachschaftsraum. Jemand, der die Inszenierung verpasst hatte, stellte die Frage „Und ? Wie war der Goerden gestern?“ (Goerden, so heißt der Regisseur dieses Abends.) Wie aus der Pistole geschossen kam es aus sämtlichen Ecken des Raumes „Schrecklich“ „Grauenhaft!“ „Also, dieses Flugzeug auf der Bühne! Mein Gott, war das dämlich!“ „Und diese schlecht gespielten Hänger. Noch schrecklicher!“ Sämtliche Kommentare kamen von Studierdenden, die keine Erstis mehr waren. Ich  war ziemlich erschreckt, denn als so schlimm, hatte ich den Abend keineswegs empfunden. Über den „schlecht gespielten Hänger“ hatte ich mich sogar ziemlich amüsiert und auch über das Dirty Dancing Zitat….  Ich sagte schließlich… einfach gar nichts. Und hörte zu. Getraut etwas dazu zu sagen habe ich mich nicht. Mir dämmerte, dass die Anderen nicht so falsch lagen und dass ich mich noch gar nicht gefragt hatte warum ich den Abend „eigentlich ganz gut fand“. Aber anstatt erstmal das zu tun, war ich schnell bereit die Meinung derer zu übernehmen, die sich besser auskannten als ich. Denn das taten sie wirklich. Wenn die Rede später auf diese Inzenierung kam, hab ich irgendwann einfach angefangen mit über sie herzuziehen und fast vergessen, dass ich sie gar nicht so empfunden habe. Aber wie das manchmal so ist: Irgendwann war ich fast überzeugt davon, dass ich den Abend niemals „eigentlich ganz gut“ fand. Und habe immer leise gehofft, dass auch die, mit denen ich in der Pause gesprochen hatten, das nicht mehr erinnern…

Zu meiner Verteidigung: inzwischen habe ich wirklich etwas gegen Dirty Dancing Zitate. (Ich kann den Film auswendig, ich liebe ihn. Aber wenn zwischen Shakespeare Texten plötzlich jemand sagt: „Ich tanze immer den letzten tanz der Saison, aber in diesem Jahr hat es mit einer verboten“ ist das schon kurz hinter grenzwertig.)

Damals war das aber noch nicht so. Damals habe ich meinem Theaterblick kein bisschen vertraut. Immer dachte ich, wenn ich etwas nicht mochte, dass ich gewiss zu wenig weiß, um zu kapieren, wie es gemeint ist. Wenn ich etwas mochte war ich verunsichert, weil ich dachte, dass ich gewiss zu wenig politisiert bin um zu erkennen, was daran alles gar nicht geht. Oft habe ich Abende ab der Hälfte nicht mehr richtig sehen können, weil ich schon überlegt habe, was ich gleich kluges darüber sagen kann. Dabei geriet ich so unter Druck, dass ich gar nichts mehr denken konnte.

Das hat sich zum Glück verändert. Das liegt an der Erkenntnis, das Theater keine so bitterernste Angelegenheit, an der erkennbar wird, wer klug ist und wer nicht oder wer am meisten kapiert hat. Und es ist übrigens auch in Ordnung, wenn ein Theaterabend mal einfach „nett“ ist. Aber am schönsten ist es, wenn es anschließend ein gutes Gespräch darüber gibt. Ohne Todessätze oder falsche Scham.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen? Egal ob mit Theater oder in anderen Bereichen? Bitte sagt Ja.

 

Lisa

2 Comments

  1. lisa
    16. Mai 2013

    Danke für deinen Kommentar!! An die Inszenierung erinnere ich mich noch gut… und auch wenn ich in der Hasstiraden Ecke saß: Der Migrationshintergrund WAR lustig!

  2. Urmelinchen
    14. Juni 2013

    An diesen beiden Beispielen zeichnet sich doch recht gut ab, dass der Ort Theater auch ein Ort der Exklusion ist, was meines Erachtens von den Vertretern des Theaters leider oft noch unzureichend reflektiert wird. Gerne verschanzt man sich hinter dem Satz „Unser Haus – ob nun Stadttheater oder freie Institution – ist offen für alle.“ Das ist wahnsinnig bequem, schließlich braucht man aus seiner Komfortzone nicht herauszukommen.
    Mitgetragen wird das natürlich auch – ob nun bewusst oder unbewusst, das sei dahingestellt – vom von manchen Teilen des Publikums, das das anschließende Resümeeziehen doch gerne dazu nutzt, mit dem eigenen Wissen zu prahlen, sich als versierter Kenner in Szene setzt.
    Natürlich vereinfache ich die Situation hier, aber die im Text und anschließenden Kommentar angesprochenen Punkte wie Scham, das Verleugnen der eigenen Meinung etc. sind doch relativ gravierend angesichts dessen, dass man „nur“ einer Theateraufführung beigewohnt hat.

    PS: Netter Blog übrigens

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