Sekt und Brezel

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This article was written on 20 Mai 2013, and is filled under Allgemein.

…und wer bist du überhaupt?! Anna-Lena Klapdor inszeniert Sarah Kanes „4.48 Psychose“ als Chorstück, wir fragten warum.

IMG_8829Anna-Lena Klapdor, Studentin der Szenischen Forschung an der RUB, traut sich ab kommenden Dienstag an ihr Herzprojekt: Sie wird Textauszüge aus Sarah Kanes 4.48 – Psychose inszenieren. „Nur“ mit einem Chor, komplett als Chortext. Von ihrer Arbeit mit dem Text und dem Chor wird sie uns ab nächster Woche mit ihrem Probentagebuch hier bei Sekt&Brezel auf dem Laufenden halten. Darauf freuen wir uns schon! Aber wir waren neugierig und haben uns im Vorhinein mit ihr getroffen und nochmal genau nachgefragt was uns da erwartet.

Lisa: Du inszenierst 4.48 – Psychose als Chortext, warum mit dem Chor? Und was ist das überhaupt für ein Stück, und was ist das für eine Autorin?

Anna-Lena: Sarah Kane ist, bzw. war eine englische Dramatikerin, die zwischen 1995 und 1999 fünf Theaterstücke und ein Drehbuch geschrieben und sich danach umgebracht hat. Sie gilt etwas als Gallionsfigur der „in your face“ Bewegung, einer Theaterform die in den neunziger Jahren, besonders in Großbritannien, sehr populär gewesen ist.

Wann und wie ist dir Sarah Kane, oder das Stück, das erste Mal begegnet?

Sarah Kane ist mir tatsächlich schon begegnet als ich 14 Jahre alt war. Da war ich mit meiner großen Schwester im Theater, im Schlosstheater Moers, dort wurde ihr Stück Gier inszeniert, mit zwei Schauspielern, zwei Schauspielerinnen und Musikern… Im Nachhinein kann ich sagen, dass das für mich ein sehr einschneidendes Erlebnis gewesen ist. Die Inszenierung und der Text haben mich beide extrem berührt und total getroffen. Und sie haben mich auch wirklich durcheinander gewirbelt. Ich kann mich daran erinnern, dass ich nach Hause kam, mich hinsetzte und das erste Gedicht meines Lebens geschrieben hab. Das ging irgendwie über zwei Seiten. Das kam so aus mir raus. Das war für mich entscheidend, weil ich da angefangen habe zu Schreiben und Schreiben für mich sehr wichtig geworden ist.

IMG_8830Da war es dann um Sarah Kane und mich geschehen. Meine Schwester und ich hatten eine Zeitlang danach ein Theaterabo für das Theater Oberhausen, dort wurde Sarah Kane´s Gesäubert inszeniert, das hab ich mir mit meiner Schwester zweimal angeguckt. Auch davon war ich sehr begeistert, aber auch sehr mitgenommen. Meine Mutter hatte uns mit dem Auto abgeholt, als wir drin saßen und sie fragte, wie es denn war, waren wir beide nur so „phhhu“. Wir konnten gar nicht darüber reden. Es war noch nicht denkbar in dem Moment darüber zu reden, weil es so krass war.

Im Grunde begleitet mich diese Dramatikerin seitdem ich 14 Jahre alt bin durchweg. Als ich angefangen habe Theaterwissenschaft zu studieren, lag es nahe mich mit ihr zu beschäftigen, das hab ich dann auch gemacht. Ich komme immer wieder auf sie zurück.
Am Anfang war Gier mein Lieblingsstück, das hab ich immer wieder gelesen, mich damit beschäftigt und auch meinen ersten Essay in der Uni darüber geschrieben. In dem Seminar „Gewalt in der Literatur“ habe ich kurze Zeit später über ihr erstes Stück Zerbombt eine Hausarbeit geschrieben, dann war das wiederum ganz lange mein Favorit. Mit einer Kommilitonin zusammen habe ich ein Seminar zu Sarah Kane angeboten und ein Symposium dazu veranstaltet. In meiner mündlichen Bachelor Prüfung habe ich mich über Zerbombt prüfen lassen. Und in meiner BA-Arbeit wollte ich zuerst über alle ihre Stücke schreiben, das war aber natürlich viel zu viel… ich habe mich dann dazu entschieden, die Arbeit auf ihr erstes und letztes Stück zu beschränken. So kam es zu meiner intensiven Beschäftigung mit 4.48-Psychose und da hab ich mich nochmal neu verliebt. Der Text ist stark selbstreflexiv und arbeitet intensiv mit, bzw. an der Form, was für das englische Drama in der Zeit gar nicht typisch ist. Eigentlich wird immer von deutschen Dramatiker*innen, Theatermacher*innen gesagt, dass sie besessen sind von der Form. Dass sich Sarah Kane als englischsprachige Autorin so stark damit auseinandersetzt ist unüblich.

IMG_8831Die Beschäftigung einer 14Jährigen, die mehr oder minder zufällig auf Sarah Kane stößt, stell ich mir anders vor, als die von einer Studentin, die kurz davor ist, ihr Studium abzuschließen. Wie würdest du diese Entwicklung beschreiben? Was hat sich da verändert?

Als ich 14 war hatte ich einen sehr intuitiven Zugang dazu. Es ging dabei nicht so sehr durch den Kopf, sondern es war mehr so, dass die Texte mich getroffen haben und was mit mir gemacht haben. Sie haben mich fasziniert, die behandelten Themen haben mich gepackt, das war eine intuitive Beschäftigung. Eine intuitive Faszination. Ich habe mich während der Zeit nie gefragt, was genau oder warum mich das fasziniert. Darüber habe ich nie nachgedacht. Damit habe ich erst angefangen als ich angefangen habe zu studieren.

Du hast also einen anderen Zugang zu den Texten entwickelt?

Im Studium habe ich das Werkzeug dafür in die Hand bekommen, wie es möglich ist sich solchen Texten wissenschaftlich zu nähern. Zwar hatte ich dann einen anderen Zugang, aber es ist das gleiche passiert wie mit 14, ich fand es immer noch wahnsinnig faszinierend. Es hat sich für mich bestätigt. Heute habe ich ziemlich gute Gründe Sarah Kane´s Werk gut zu finden. Das konnte ich mit 14 nur nicht begründen, konnte es nicht erklären. Jetzt mithilfe der Sachen und Begrifflichkeiten die ich gelernt habe ist es fassbarer geworden.

Kannst du die Gründe nennen?

IMG_8832Es ist Sarah Kane´s Art mit Form und Inhalt umzugehen, die ich interessant finde. Vor allem bei Zerbombt müssen der Raum, die Körper und die Form des Stückes quasi als Eins gedacht werden: was mit dem Raum passiert, passiert auch mit dem Körper, das passiert auch mit der Form. Das zieht sich in Zerbombt komplett durch, Kane hat da sehr konsquent gearbeitet.

Heißt das, eine Bombe schlägt ein und alles gerät aus den Fugen…auf allen Ebenen?

Es deutet sich von Anfang an an, dass etwas nicht stimmt. Es bilden sich irgendwie Risse und dann wird der Raum am Höhepunkt gesprengt. Das Stück besteht aus fünf Akten, Kane nimmt klaren Bezug auf die Form des geschlossenen Dramas. Bei der Klimax angekommen, wird also dieser Raum gesprengt und am Anfang des Stückes hätte man noch sagen können, dass das fast „realistisches“ Theater ist. Aber danach verändert es sich radikal. Danach wird es hyperrealistisch. Es ähnelt einer Spirale, alles wird immer schlimmer. Vor der Sprengung gibt es keine dargestellte Gewalt in dem Stück. Es wird von Gewalt geredet und erzählt, aber es gibt keine Gewaltakte, die tatsächlich ausgeführt werden.

Also in der Regieanweisung steht im ersten Teil nicht „er erwürgt sie“ oder so.

Genau, es gibt im zweiten oder dritten Akt die Andeutung, dass es eine Vergewaltigung gegeben hat, aber die wird weder durch Regieanweisungen erzählt, noch durch die Figuren. Die Figuren reden zwar unterschwellig darüber und beziehen sich darauf, aber die streifen das mehr und es wird nicht ausgesprochen was eigentlich passiert ist. Das schlägt um nach der Sprengung. Nach der Sprengung gibt es sehr, sehr grausame Gewaltakte, die gezeigt und erzählt werden und auch in den Regiewanweisungen auftauchen.

IMG_8834Was passiert mit dem Raum und der Form, oder wie schlägt es da um?

Es passieren zum Beispiel so Sachen, wie dass eine Person in einem Nebenraum verschwindet und eine andere Person schaut nach, und dieser Nebenraum ist leer. Das lässt sich nicht erklären, wenn man denkt, man hat es mit einem realistischen Stück zu tun. Das macht erst in dem Moment Sinn, wo man denkt, das ist gar kein Raum im traditionellen Theatersinn, es gibt gar keinen Nebenraum in dem diese Figur verschwindet, sondern es handelt sich hier um etwas Anderes. Form, Inhalt und Körper hängen zusammen und werden auf einer Ebene gedacht.

Ja, das ist etwas was man mit 14 nicht formulieren kann…

Nein. Auf keinen Fall.

Wie cool, dass deine Faszination nicht durch den wissenschaftlichen Zugang kaputt gemacht wurde, sondern deinen Blick positiv erweitert und dein Interesse vertieft wurde!

Ja, das find ich auch sehr wichtig und mittlerweile kann ich auch Kritik an den Stücken formulieren. Das konnt ich mit 14 noch nicht. Es gibt so einige stellen wo ich Sarah Kane kritisieren würde tatsächlich, zum Beispiel dass es diesen ausgeprägten Dualismus zwischen Form und Inhalt überhaupt gibt. Es könnte auch anders gedacht und nicht mit diesem Dualismus gearbeitet werden. Sondern den Versuch irgendwie das alles mehr als Eins zu denken, das macht sie halt nicht. Dann arbeitet sie auf inhaltlicher Ebene sehr stark mit Strategien die man aus dem klassischen Theater kennt. Auch wenn es keine Figuren gibt, gibt es trotzdem Monologe die genauso funktionieren, als wenn sie für eine Figur geschrieben wären. Das sind so Punkte wo ich denke, das passt nicht so ganz und das hätte man anders besser lösen können.

IMG_8835Warum passt das nicht so ganz?

Naja, weil es halt keine Figuren gibt. Vor allem bei 4.48-Psychose existieren nur noch Textfelder, voneinander abgtrennt durch Spiegelstriche, man könnte denken, dass es sich an manchen Stellen um einen Dialog handelt, aber es könnte genauso gut ein Selbstgespräch sein. Dadurch, dass es auch Passagen gibt, die dann wiederum zu dem klassischen Drama passen, wirkt es unentschieden. Ich denke dann naja, wenn du keine Figuren mehr hast und kein Setting und keine Regieanweisung und auf alles verzichtest, warum dann das? Was soll das dann?

Es ist außergewöhnlich und spannend, dass dich Sarah Kane schon so lange begleitet….Wie kam es, dass Du Dich auch besonders für den Text, für die Dramatikerin, interessiert hast, und nicht nur bei der Inszenierung geblieben bist?

Ich vermute, dass das auch mit daran lag, dass ich meine erste Inszenierung 1999 oder 2000 geguckt habe und Sarah Kane sich 1999 aufgehangen hat, was dazu geführt hat, dass sie als Autorin im Umfeld dieser Inszenierung und bei den Leuten mit denen ich das geguckt habe, sehr präsent gewesen ist. Meine Schwester hatte mir damals irgendwann gesagt „Das ist eine krasse Dramatikerin, die hat fünf Stücke geschrieben und sich danach umgebracht.“ so. Wenn man so eine Geschichte hört, trifft einen das erstmal und man denkt „abgefahren“. Da hat man ein komisches Bild im Kopf. Auf der anderen Seite war der Text echt stark und in der Inszenierung sehr präsent. Die haben mit dem englischen Original gearbeitet und haben dem Text sehr viel Raum gegeben, im Nachhinen betrachtet.

…mit dem Vokabular was du ja jetzt hast.

IMG_8836Ja genau, mit dem Vokabular was ich jetzt habe würde ich sagen die haben dem Text sehr viel Raum gegeben und großen Fokus drauf gelegt, dass diese Texte hörbar sind
.
Dann haben sie es ja gut gemacht.

Das glaube ich auch! Das lag daran, dass man einerseits diese krasse Hintergrundgeschichte dazu hatte und der Text überaus präsent war und das alles zusammen führte dazu, dass ich nicht nur bei der Inszenierung hängen geblieben bin.

Dass die Form aus den Fugen gerät, dass es keine Figuren, sondern nur Spiegelstriche gibt und dass es Regieanweisungen gibt, die Gewaltakte fordern, das klingt so, als ob das nicht ganz leicht zu inszenieren ist. Ich hab mal eine Inszenierung gesehen, aber nur auf dem Video und das fand ich ganz schlimm. Weil der Text da nicht hörbar war und da der Versuch gemacht worde, irgendwas Klassisches daraus zu basteln, bzw. ist Klassisch das falsche Wort, eher realistisches Figurentheater, was nicht funktioniert hat. Hast du denn mal in letzter Zeit eine Inszenierung gesehen, die dem Text gerecht geworden ist? Und was hast du vor?

In letzter Zeit habe ich mir youtube videos angeguckt, meistens Psychose, es scheint besonders an englischen Schauspielschulen beliebt zu sein, das als Abschlussinszenierung zu nehmen. Das meiste hat mir nicht gefallen. Es funktioniert nicht, wenn man es spielt und man alles so fühlt. Was mich auch noch stört, ist wenn das Krankheitsbild in den Inszenierungen so stark gemacht wird. Es gibt Menschen die das letzte Stück von Sarah Kane, also Psychose, als Abschiedsbrief verstehen. Sie war selber in der Psychatrie und in Therapie und hatte psychische Probleme. Das ist sehr stark in Psychose.

IMG_8837Das möchtest du also nicht, was möchtest du dann?

Teilweise wird mir nichts anderes übrig bleiben als mich auch damit zu beschäftigen, weil sehr viel davon da drin steckt, es gibt viele Stellen in dem Stück, die genau in diesem Kontext verortet sind. Aber ich möchte mehr herausarbeiten, dass an diesem Aspekt des Krank-Seins, des Psychisch-Krank-Seins, dass es daran Aspekte gibt, die nicht das Problem von irgendeiner Einzelperson sind.  Sondern es ist eine gesellschaftliche Struktur, die überall und an ganz vielen stellen wuchert. Das ist ein Problem mit dem ich mich auch schon in anderen Projekten beschäftigt habe, dass wir in einer Gesellschaft leben, die immer mehr fordert und immer schneller, immer weiter und immer höher will. Eine Gesellschaft in der es so eine Ideologie gibt, dass wenn du nicht glücklich wirst, es deine eigene Schuld ist. Ich will die alten Zeiten nicht glorifizieren, aber ich glaub es war mal so, dass wenn man nicht glücklich war, man äußeren Umständen mehr die Schuld gegeben hat. So etwas wie, ich lebe in einer Diktatur, oder ich bin arm, oder ich hab zwanzig Mäuler zu stopfen und weiß nicht wie, oder sowas. Es schien Institutionen zu geben, die man für sein Unglück verantwortlich machen und gegenüber denen man sich klar positionieren konnte. Zur Zeit fühlt es sich aber eher so an wie, wie du bist nicht glücklich? Dann machst du irgendwas falsch. Dann mach doch mal! Du hast doch alles und alle Möglichkeiten und hier sind die Chancen und du musst nur zugreifen und los! Es scheint fast, als gäbe es diesen Imperativ, glücklich zu sein. Es geht nicht mehr darum, einfach glücklich zu sein, sondern „glücklich“ gehört als Eigenschaft zu dem Bild, das man von sich geben möchte, ähnlich wie „erfolgreich“ oder „körperbewusst“ oder so. Und das ist eine Ideologie wo es mich nicht wundert, dass alle in meinem Umkreis depressiv sind und fast alle in Therapie sind. Das geht wirklich durch alle Schichten hindurch und durch alle Altersgruppen. Überall treffe ich auf Menschen die depressiv sind, oder burn-out haben oder mid-life crisis, oder quarter-life crisis, womöglich gibt’s bald auch die zwei-drittel-life crisis, oder was weiß ich, irgendwie sind alle in der Krise und alle sind unglücklich und überfordet und alle denken es ist ihre eigene Schuld. Ich glaub einfach nicht, dass das so ist und ich glaube dass dieses Stück das verhandelt. Das Stück verhandelt zum Beispiel den Komplex der Grenzziehung, wo ist meine Grenze, wo fang ich an, wo fängt der andere an, wo hör ich auf? Aber auch, was ist mir zu viel, wo kann ich eine Grenze setzen, wo kann ich mich verteidigen? Es geht dabei nicht nur um Grenzen, sondern generell um Setzungen. Es gibt in dem Stück eine Stelle wo verhandelt wird, dass das Ich, das grade spricht sich in einem guten Zustand fühlt. Die Außenwelt aber das Ich als krank und nicht zugänglich, als nicht zurechnungsfähig begreift. Diese Diskrepanz zwischen Außenwahrnehmung und Innenwahrnehmung wird da verhandelt. Und es gibt den Satz: why do you believe me than and not now? Warum hat die Gesellschaft immer das letzte Wort? Die Innen und Außenwahrnehmung ist komplett verschoben. Das Ich findet sich immer dann furchtbar, wenn es für die Anderen normal ist und umgekehrt. Wann jemand krank ist, oder nicht, das ist etwas, was die Gesellschaft setzt und kein natürlicher Zustand, den man empirisch nachweisen kann. Man kann eine psychische Krankheit ja nicht unbedingt empirisch nachweisen, sondern das ist etwas das gesetzt wird und diese Setzung ist an sich problematisch.

Aus dem was du beschreibst, macht es direkt Sinn, dass du es chorisch inszenierst.IMG_6853

Das war auch schnell klar, dass es garnicht anders geht für mich. Weil ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, eine Person dahin zu stellen, die diese Texe spricht, weil es sofort auf diejenige Person bezogen wird und sofort eine Figur daraus gemacht wird. Das will ich nicht, die Stimmen die dort sprechen, das sind keine Figuren, das macht einfach überhaupt keinen Sinn.

Alle werden gleichberechtigt, gleichzeitig sprechen?

So wie ich Chor gelernt habe werde ich den Chor machen. Alle sprechen alles gleichzeitig, alle das gleiche. Ich find das auch spannend, der Chor an sich ist ein sehr beliebtes Thema – besonders in Bochum am Institut für Theaterwissenschaft-, mit dem ich mich im Laufe meines Studiums und in meiner praktischen Arbeit viel auseinandergesetzt habe und mich viel damit beschäftigt habe. Ich find diese seltsame Kollektivfigur Chor in einem Stück zu benutzen wo es nur um ein Ich geht, das macht eine interessante Spannung auf.

Vor allem, weil man den*die  Einzelne*n im Chor trotzdem so gut erkennen und so gut hören kann. Denn wenn man sich Einen oder Eine aus dem Chor herauspickt, egal wie groß der Chor ist, kann man jede*n Einzelne*n hören, wenn man will.

Ja, und genau das macht auch das paradoxe am Chor aus, denn gleichzeitig kann man auch das große Ganze auf sich IMG_6854wirken lassen. Ein Chor ist so viel und so laut und es macht „wumm“. Das find ich immer schön als Erfahrung für mich selbst, wenn ein Chor vor mir steht und der ballert mir das vor die Füße, knallt mir das vor den Latz und ich muss mich dann dazu verhalten. Das ist immer eine spannende Erfahrung für mich. Was ich noch bis heute an der Inszenierung „die Schauspieler“ von kainkollektiv liebe, ist dass der Chor im Publikum stand und man sich als Teil davon fühlen konnte. Auch wenn man nicht mitsprechen konnte, hat man die Vibration der Körper gefühlt und sich somit als Teil davon. Man war auf einmal drin in dieser Einheit, die ja gar keine Einheit ist, sondern vielmehr eine Vielheit.

Aber ein Chor macht es einem ja auch leicht eine Form zu sprengen, zB wenn sie dann doch nicht mehr gemeinsam sprechen, sondern auseinandergehen und sich dann wieder zusammen finden, oder sonstwie.

Das find ich auch schön, dass im Chor an sich die Möglichkeit auszubrechen schon angelegt ist, aber dass man auch immer wieder zurück kann. Der Chor ist eine Art Schutzraum. Auch wenn man für einen Moment den Fokus auf eine Einzelperson im Chor hat, sobald die Anderen in der Nähe stehen, ist man nicht mehr alleine. Es ist möglich wieder in den Schutzraum einzutreten und dort wieder geschützt zu sein.

Andererseits kann ein Chor ja auch brutal sein, denn jeder Fehler ist sichtbar, wenn zB einer zu früh anfängt zu sprechen, oder einen Hänger hat, fällt das total auf. Sofort. Ich glaub es ist ein Schutzraum weil du mit vielen anderen Sprechenden auf der Bühne stehst, nicht allein, mit Gleichgesinnten, mit denen du eine ähnliche Erfahrung teilst, aber das Brutale ist, dass du ja trotzdem alleine da bist. Denn du bist ja du und die Anderen sind die, das ist auch immer ein Punkt.

Ich habe Chor mehr gemacht, als gesehen und wenn man Chor macht, ist das Gefühl ein anderes. Wenn ich im Chor IMG_6847gesprochen habe und ich hatte einen Hänger, oder ich habe eine Pause nicht eingehalten, habe ich nicht gemerkt, dass ich groß auffalle. Es war mehr ein Gefühl von ah ok, ich warte jetzt nochmal zwei Sekunden und lass die mal kurz reden und dann weiß ich auch schon wieder wann ich weiter machen kann.

Klar, im besten Falle kann man sich aufeinander verlassen, natürlich, das ist ja auch das ambivalente am Chor und auch das was du beschrieben hast. Aber jetzt erzähl doch noch bitte was du da nächste Woche machen wirst.

Die Proben starten am Dienstag, ich möchte mit den Leuten erstmal den Text gemeinsam lesen und über Eindrücke, Ideen und Gedanken sprechen. Ich bin kollektives Arbeiten gewohnt, wo auch alle am kreativen Prozess beteiligt sein können, wenn sie wollen. Danach werden wir im Laufe der Woche mit den Basics weitermachen, also Körper- und Sprachübungen und so. Dieser Probenblock geht bis Freitag, ab dann wird es ein bis zwei wöchentliche Termine geben, aber das möchte ich mit den Beteiligten noch absprechen, wie es ihnen und uns am besten passt. Wir haben ja alle auch noch andere Dinge zu tun, weil wir das nicht professionell machen. Premiere ist dann vermutlich am 23. Juli im Rahmen von Podest, einer Semesterabschlussveranstaltung des Instituts für Theaterwissenschaft, wo Studierende ihre praktischen Arbeiten einem meist wohlwollenden Fachpublikum, nämlich ihren Kommiliton*innen und Freund*innen  zeigen können. Ich denke das ganze Projekt eher als Experiment anstatt dass eine „fertige“ Inszenierung dabei heraus kommen muss. Ich möchte und werde definitiv auch noch darüber hinaus an dem Stück arbeiten. Sarah Kane und ich sind noch nicht fertig miteinander.

Vielen Dank Anna-Lena!!! Wir freuen uns schon auf dein Probentagebuch und das Ergebnis! So, und wenn jetzt noch jemand von Euch Lust bekommen hat bei 4.48 Psychose mitzumachen, dann schreib uns an sektundbrezel@gmail.com und wir leiten das auf dem direkten Weg an Anna-Lena weiter!

 

 

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