Sekt und Brezel

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This article was written on 03 Mai 2013, and is filled under Allgemein.

Vernetzt. Netztheater. Theater im Netz.

Be nice. You always meet twice“, diesen Satz las ich kürzlich in einer Modezeitschrift als das Motto einer Moderedakteurin. Ich verstehe diesen Satz so: Die Modewelt ist riesig und unübersichtlich, aber gleichzeitig so klein, dass jede*r jede*n kennt und sei es über einige Ecken. Sie ist sogar so winzig, dass es unbedingt wichtig ist, stets kontrolliert und  professionell zu sein. Denn jeder Ausrutscher und jeder Fehler ist ruckzuck bekannt und holt die ausgerutschte Person beizeiten wieder ein. In der Modebranche kenne ich mich nicht aus, weiß aber, dass für die Theaterwelt ähnliches gelten könnte. Auch sie ist ein eigentlich unüberschaubares etwas, in dem aber gefühlt jede*r schon mal mit jede*m gearbeitet oder zumindest ein Bier getrunken hat. Dennoch halte ich das Motto fürs Theater (und in Wahrheit auch grundsätzlich) für ungeeignet, weil ich in der Kunst auf Ehrlichkeit und Direktheit setze, damit etwas sinnvolles entstehen kann. Das sehen sicherlich viele so, es ist aber nicht ganz leicht umzusetzen, eben weil die Wahrscheinlichkeit, dass es eines Tages eine erneute Begegnung gibt, so wahnsinnig groß ist. Deshalb scheint es unerlässlich sich als Theaterschaffende*r ein gut funktionierendes Netzwerk aufzubauen, dass im Zweifel auch als Auffangnetz funktioniert. IMG_8826Ein solches zu knüpfen ist aber schwer und mühsam und manchmal richtig unangenehm. Das Wort „netzwerken“ stand lange Zeit sogar auf meinem persönlichen Index. Ich verband es mit gehetzten Gestalten auf Premierenfeiern, die hechelnd hoffen den Verantwortlichen des Abends die Hand schütteln und ihnen ihre Visitenkarte in dieselbe drücken zu können. Mit Leuten, die nett zueinander sind, obwohl sie es nicht sein wollen. Mit sinnfreiem und viel zu höflichem Smalltalk, der in der Hoffnung geführt wird, sein eigenes Netzwerk zu vergrößern, bekannt zu werden oder es zu bleiben. Kurz: Mit Situationen, die ich auszuhalten nicht bereit bin.

Bleibt mir aber was anderes übrig? Bzw. ist mein Begriff vom Netzwerken nicht vielleicht völlig veraltet? Kann es sogar Spaß machen? Muss es nicht auch ohne Anbiederei gehen? Und welche Wege kann ich nutzen, ohne dafür auf Premierenfeiern zu müssen? So oder so sollte ich schleunigst Spaß am Netzwerken entwickeln, dann auch für mich ist es  jobtechnisch überlebensnotwendig.

Erstens weil ich im Theater arbeiten will. Und dafür muss ich Leute kennen. Und diese müssen mich und meine Arbeit gut finden, was (manchmal leider, manchmal auch grade nicht leider) oft nicht über klassische Bewerbungen funktioniert. Früher wurde in dem Zusammenhang das berühmte Vitamin B genannt, heute wird eben das Wort Netzwerk bemüht.

Zweitens nenne ich mich seit kurzem Bloggerin und „Sekt und Brezel“ wird niemals erwachsen werden, wenn wir nur unsere eigene Suppe kochen und niemanden sonst einbinden. Kein Blog kann nur für sich funktionieren. Das anzuleiern macht übrigens schon sehr viel Spaß, denn das geht auch mal per Mail und niemand sieht meinen manchmal roten Kopf. (Einen Beitrag plus Diskussion dazu findet ihr hier.)

Drittens findet ein Blog im Netz statt. Im Internetz. Diesem an Unübersichtlichkeit nicht zu überbietenden Ort, dem Netzwerk schlechthin. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin alles andere als ein digital native. Im Gegenteil, ich erinnere mich noch gut an unseren ersten Computer, der vor allem zum Verstauben und packman spielen im Wäschekeller rumstand. An das Modem, dass mich so langsam ins Internet brachte, dass ich nebenbei die Tageszeitung lesen konnte. An mein „Alcatel One touch easy“ , das immer irgendeinen bescheuerten Klingeton von sich gab. Vermutlich die Knight Rider Melodie, natürlich monophon. Und ich erinnere mich noch, wie mir ein Computer affiner Schulfreund versicherte, dass sich Fotohandys niemals durchsetzen werden. Zu viele Pixel.

IMG_9688Memories, seufze ich, während ich diese Zeilen in meinen kleinen handlichen schicken Rechner tippe und mein allzeit bereites Smartphone neben mir liegt. Nebenbei läuft die hektische Sicherung sämtlicher Daten dieses kleinen, handlichen, hübschen Rechners. Der zickt nämlich rum und ich bin in Panik, weil sich mein Leben auf ihm befindet. Das schmeckt mir überhaupt nicht! Genauso wenig mag ich es, wenn ich in der Bahn umringt bin von Tablets und Kindles und niemand bemerkt, wenn im Tunnel das Licht nicht angeht. Ich raschel dann gerne besonders laut mit meiner unpraktischen Zeitung oder würde am liebsten mit meinem Roman einen der Tablets abwerfen. Bevor es soweit kommt, blinkt aber meistens mein Smartphone und ich schaue unverzüglich nach, wer mir was besonders wichtiges und dringendes mitteilen will, was keinen Aufschub duldet. Meistens ist es allerdings gar nicht wichtig, aber wenn ich das Ding schon mal in der Hand habe, kann ich ja direkt mal Facebook checken. Überraschung, da ist auch nichts wichtiges. Dann muss ich meist auch schon aussteigen und habe mein Buch nicht mal aus der Tasche geholt. Ach, manchmal wünsche ich mir – ganz Nostalgikerin – die guten alten Zeiten zurück. In denen ich mich verabredet habe und mich wirklich um Pünktlichkeit bemüht habe, weil ich nicht whatsappen konnte, dass ich zwar unterwegs bin, aber die Bahn vor meiner Nase weggefahren ist. In denen ich meine Familie angerufen habe, wenn mir der Name eines Helden meiner Kindheit nicht einfallen wollte, anstatt ihn zu googlen. In denen es das Wort googeln noch nicht mal gab.

Nostalgie führt aber in der Regel zu nichts und Sätze á la : „Heute wird ja auch nicht mehr gelesen!“ langweilen mich. Also was tun? Wie die Vorteile des Internetzes für sich ausnutzen? Wie die (durchaus vorhandene) Angst vor den rasanten technischen Entwicklungen und die daraus entstehenden nostalgischen Gefühle beiseite schieben? Wie Netzwerken ohne Stressflecken?

Und mal abgesehen von den persönlichen Wehwehchen, die durch Internetz und Netzwerkdruck verursacht werden: Was macht das Internetz überhaupt mit dem Theater? Gibt es bald Livestreams von Aufführungen auf den jeweiligen Theaterhomepages? Und wenn ja, sind die Streamer*innen dann Teil des Publikums? Wer hört ihren Applaus? Wie verändert sich das Theater und wie muss es sich vielleicht öffnen? Ist es gewillt sich zu verändern? Verändert sich das Schreiben über Theater durch das Netz? Wird es tatsächlich oberflächlicher? Oder nur direkter? Oder beides?

Die Konferenz „Theater und Netz“ ausgerichtete von „nachtkritik.de“ und der Heinrich-Böll-Stiftung bietet die Möglichkeit, diese und weitere Fragen zu dem Thema anzugehen. Am 8. und 9. Mai gibt es Diskussionen und Workshops, die größtenteils wirklich interessant klingen. Hinfahren kann ich leider nicht, aber wenn ich richtig informiert bin, gibt es tatsächlich Livestreams. Und wir haben natürlich einen Spion vor Ort!!

 

Lisa

 

One Comment

  1. Sophia
    6. Mai 2013

    Wer sich Theater im Live-Stream anschaut, macht auch Städtereisen mit Google Earth… hoffentlich nie.

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